Gastbeitrag: Jetzt doch noch Senf
Eigentlich wollte ich nichts zur Loveparade in Duisburg und ihrem tragischen Ende schreiben. Das Netz und die Medien sind voll von Artikeln, Berichten, Videos und Fotos. Man kommt an dem Thema nicht vorbei, daher sah ich bisher auch keinen Grund, mich auch noch dazu auszulassen.
Im Grunde habe ich auch nichts zur Loveparade an und für sich zu sagen. Ich war nicht da. Zum einen ist das nicht meine Musik und zum anderen vermeide ich Massenveranstaltungen. Nicht, weil sie tendenziell gefährlich sein könnten oder weil ich Angst vor Massen hätte. Ich mag einfach nicht so viele Menschen um mich herum ohne die Möglichkeit zu haben selber zu entscheiden wie körperlich nahe die mir jetzt kommen können.
Doch nur weil ich Menschenmassen und Riesenevents nicht mag heißt das noch lange nicht, daß ich anderen Menschen ihren Spaß nicht gönne. Egal ob Loveparade, Stilleben auf Autobahnen, Sportveranstaltungen oder was auch immer – wenn es Menschen gefällt und sie dort Spaß haben dann sollen sie dort hingehen, feiern, eine schöne Zeit haben. Jeder ist anders. Gut, wenn die Fußballenthusiasten bis mitten in die Nacht hupend und trötend im Konvoi die Straße rauf und runter fahren werde ich irgendwann stinkig. Wie verbittert muß man sein um anderen Menschen nicht auch mal ein bißchen Spaß zu gönnen?
Was mir wirklich sauer aufstößt, sind die Menschen, die jetzt aus ihren Löchern gekrochen kommen und ohne Rücksicht auf Angehörige und Freunde der Opfer dummes Zeug sabbeln. Ganz vorneweg Frau Hermann, die was von Gottes Strafe faselt. Auch immer nett die Menschen die leicht hämisch verkünden, daß so etwas passiert wenn über eine Million Säufer, Kiffer und sonstige Drogen-Einschmeißer sich zusammenrotten.
Nur mal so nebenbei bemerkt: nicht jeder, der zu so einer Veranstaltung geht, muß sich zwangsläufig auch betrinken, bekiffen oder sonstwie zudröhnen. Der überwiegende Großteil sind ganz normale Menschen, die einfach nur ein bißchen Spaß haben und feiern möchten. Die Schuld nun darauf zu schieben, daß dort ein gewisser Prozentsatz der Menschen in welcher Art auch immer berauscht gewesen sei, ist zwar sehr einfach, schießt aber um Längen an der Realität vorbei.
Und für die ganzen Neunmalklugen, die immer noch behaupten, daß die Opfer selber schuld gewesen seien weil sie überhaupt erst dort hingegangen seien, mal eine bescheidene Frage: Schon mal Panik gehabt? Nicht nur Angst, sondern richtig echte Panik aka Todesangst? Nein? Dann einfach mal setzen und Fresse halten.
Schon mal in einer großen Menschenmasse festgesteckt wo es weder vorwärts noch rückwärts geht und man glaubt, der Nebenmann verschmilzt gleich mit einem? Nein? Dann ebenfalls setzen und Fresse halten.
Und beim Fresse halten mal einen Augenblick darüber nachdenken, welche Kräfte so eine Masse von Menschen entwickeln kann die auf engstem Raum feststecken. Dagegen kommt man nicht an. Da hat man auch keine Chance, jemandem aufzuhelfen wenn er fällt. Das ist zwar ein nobles Vorhaben, doch ich lege meine Hand dafür ins Feuer daß jeder, der in eine solche Situation gerät gleich reagieren wird. Jeder. Du, ich, er, sie. Jeder.
Weil das Gehirn so programmiert ist. Wenn unser Hirn uns in Lebensgefahr glaubt, dann schaltet es jede Besonnenheit und klare Überlegung ab. Und dann übernimmt einer von drei Reflexen das Steuer: Kampf, Starre oder Flucht. Da ist nichts mehr mit klarem Denken, da gibt es für unser Hirn nur noch eins: Ich oder die anderen. Weil unser Hirn nunmal nicht sonderlich altruistisch ausgelegt ist, haben die anderen von vorneherein verloren. Und jeder, der das negiert verneint damit einen seiner Urinstinkte.
Was mich mindestens genauso ankotzt sind all diese unerträglichen Gaffer, deren Leben anscheinend nicht genug Aufregung bietet und die nichts besseres zu tun haben als sich an dem Leid anderer zu ergötzen. Und dabei einer der Eigenschaften vermissen lassen, die ich persönlich für wichtig halte: Respekt.
Mir sind Journalisten und Reporter ein Gräuel, die nichts besseres zu tun haben als Rettungskräften im Weg zu stehen und traumatisierten Menschen erstmal ein Mikro ins Gesicht zu halten um möglichst als Erste die blutigen Details im Kasten zu haben. Dicht gefolgt von den Menschen, die laut mit “Pflicht zur Dokumentation” herumdiskutieren und mit dem Schlagwort “Heuchelei” wedeln wenn sich jemand weigert die Bilder des Unglücksortes zu veröffentlichen. Oder gar im Nachhinein laut bejammern, daß sie doch nicht hingegangen sind und so die Möglichkeit verpaßt haben Leichen unter weißen Tüchern zu fotografieren.
Eine ganz miese Nummer ist auch der Vorwurf an die Menschen, die noch weiter gefeiert haben weil die Loveparade nicht abgebrochen wurde. Man hat sich entschieden, die Veranstaltung langsam ausklingen zu lassen um nicht noch eine Panik mit noch mehr Opfern zu provozieren. Was ich vollkommen nachvollziehen kann. Ich war damals auf dem 1000. Konzert der Toten Hosen, auf dem ein Mensch zu Tode gedrückt wurde. Ich möchte mir auch all die Jahre später nicht ausmalen was passiert wäre wenn die Hosen das Konzert abgebrochen und bekannt gegeben hätten was passiert ist. In das Stadion rein zu kommen war schon Gedrängel genug – ich möchte nicht wissen, was passiert wäre wenn alle auf einmal zu den Ausgängen gestürmt wären …
Das ganze Drumherum geht mir einfach auf die Nerven. All die neunmalklugen Dummschwätzer, die sich jetzt überall ihre Häme oder Verbitterung aus dem Leib kotzen nerven mich ungemein.
Wißt Ihr was? Einfach mal die Schnauze geschlossen halten und den Fakt zu Gemüte führen, daß dort 21 Menschen ihr Leben verloren haben. 21 Menschen, die Angehörige und Freunde hinterlassen. Familien und Freunde, die trauern.
Davor sollte man zumindest Respekt haben. Wenn man das mit dem Mitgefühl schon nicht auf die Reihe bekommt.

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