
Guten Abend, mein Sohn. Komm herein aus der Kälte. Darf ich Dir Deine Jacke abnehmen? Christa, die gute Seele meines Hauses hängt sie für Dich weg. Komm doch, komm herein.
Nimm Platz. Hier am Kamin, das Feuer brennt schon. Entspann Dich. Darf ich Dir einen Tee anbieten? Mit Milch und Zucker? Ein wenig Gebäck?
Das Feuer tut gut, nicht wahr? Die Flammen wärmen uns von aussen, der Tee – danke Christa! – wärmt uns von innen. Und jetzt sag, mein Sohn, was führt Dich zu dieser späten Stunde durch die Unbill des Wetters in mein bescheidenes Heim?
Reden sagst Du, willst Du? Mußt Du? Aber worüber denn? Was beschäftigt Dich so sehr?
Schuld? Du möchtest mit mir über Schuld reden? Oh, das ist ein weites Feld. Welche Art von Schuld meinst Du? Die Schuld im biblischen Sinne, die Sünde oder die Schuld unter den Menschen?
Es geht um die Schuld unter den Menschen? Du hast dir zu schulden kommen lassen, sagst Du? Du möchtest mit mir über die Schuld unter uns Lebendigen reden? Dann sprich. Aber bitte, keine Details, Du weißt ich will nicht alles wissen, noch darf ich alles wissen. Aber rede und ich werde versuchen, Dir zu helfen, Dir Rat zu erteilen in dieser finsteren Stunde.
In der Tat, mein Sohn. In der Tat. Das klingt nicht gut. Lass uns mal einige Grundlagen klären:
Die meisten Menschen suchen Vergebung der Sünde bei Geistlichen, weil sie wollen, das ihnen Gott vergibt, sie im Leben nach dem Tode in sein Himmelreich aufgenommen werden.
Du dagegen fragst Dich, was Dir die Vergebung Gottes bringen kann und soll, in einem Leben nach dem Tode an das Du nicht wirklich glaubst und in einem Leben das Deine Hölle zu sein scheint.
Viele Menschen verzweifeln an der Schuld, an IHRER Schuld. Sie erfinden Formen der Bestrafung, sie peitschen sich selber aus, legen sich in Ketten oder quälen sich anders um dem Schmerz ihrer Seele einen körperlichen Schmerz entgegen zu setzen. Um den Schmerz der Seele, der der Schlimmste ist, nicht mehr zu spüren. Sie schlagen, ritzen oder brennen den Körper, doch ist es die Seele die vor Schmerz schreit.
Bei anderen bricht irgendwann die Emotion aus ihnen heraus, sie haben sie in sich gefressen, sie nicht kommuniziert, sie nicht ausgelebt, nicht bewältigt. Manche von diesen laufen Amok.
Sie tun das nicht, weil sie anderen Menschen weh tun wollen. Sie tun das, weil sie bisher nicht verzweifelt genug waren, die letzte Konsequenz, den Suizid zu wählen. Sie wissen, dass sie den Amoklauf nicht überleben werden – sei es weil sich selber richten oder weil sie gerichtet werden. Die Schuld an der Gesellschaft wird so groß, dass ihr Tod gerechtfertigt erscheint, auch und besonders ihnen selbst.
Irgendwann bricht es aus jedem Menschen heraus. Man kann versuchen, Seelenleid zu begraben unter Arbeit und Ablenkung. Es zu ertränken in Alkohol oder zu verstecken im Rausch. Alles hilft nicht, es macht schlimmer. Es staut sich der Schmerz, irgendwann bricht er hervor.
Beide Sorten Mensch finden keine Erlösung. Nicht im Leben, nicht im Tod. Gott wird ihnen vergeben, aber sie werden sich selber nicht vergeben können. Und das ist auch Dein Problem, mein Sohn.
Schuld, so glauben wir, muß von dem vergeben werden, dem wir sie antun. Wir glauben, wir müssen um Verzeihung bitten und werden erlöst. Doch die Wahrheit ist: Es geht nicht.
Du hast belogen, betrogen, verletzt, gedemütigt, mißbraucht und mißachtet. Und Du willst dafür Vergebung.
Aber sag, wie kann Dir ein Mensch vergeben was Du getan hast, wenn Du Dir nicht vergeben kannst? Die Worte “ich verzeihe Dir” nimmst Du wahr, doch welchen Wert haben sie für Dich, mein Sohn?
Schuld, so sage ich Dir, kann nicht abgelegt werden. Du kannst sie auch nicht ausgleichen indem Du versuchst, anderen Menschen oder Kreaturen Gottes Schöpfung gutes zu tun.
Das ist der Fehler im Denken. Höre meine Worte:
Sünde und Leid, dass Du über die gebracht hast, die Du liebst, kannst Du nicht ungeschehen machen. Du wirst es niemals vergessen machen können und es wird Dich ein Leben lang begleiten.
Aber diese Schuld ist eine Chance. Eine Chance zu erkennen, was Du falsch gemacht hast. Zu lernen, diese Dinge nicht wieder zu tun.
Ich weiss, Du hast Dinge schonmal gemacht und damals schon gedacht, es sei vorbei, aber ich glaube, Du hattest noch nicht wirklich begriffen, welch gefährliche Macht Du über Menschen hat – besonders über jene, die Dich lieben.
Sie verzieh Dir. Sie sagte, sie wäre nicht mehr böse aber Du kannst es ihr nicht glauben. Und das ist richtig so, sie wird den Schmerz ein Leben lang im Herzen tragen und es wird immer mal wieder dazu kommen, dass die Narben, die Du verursacht hast, aufbrechen. Das ist Deine Schuld, das ist Deine Verdammnis. Zu wissen, dass Du auf ewig einen Platz im Herzen hast, der so grundverschieden zu dem Platz ist, den Du einehmen wolltest.
Was Du tun kannst, kann ich Dir nicht sagen. Ich kann Dir nur mit auf den Weg zu geben, Deine Schuld zu kommunizieren. Du mußt lernen, sie als Teil von Dir zu begreifen, Du mußt lernen mit ihr umzugehen. Du mußt begreifen, dass es nicht Gottes Grausamkeit ist, die Dich nicht vergessen läßt, was Du getan hast, sondern sein Güte in der er Dir helfen will, diese Fehler nicht nocheinmal zu begehen.
Ich weiss, mein Sohn. Du glaubst nicht an Gott. Aber Gott glaubt an Dich. Er hat Dich nie verlassen und er wird Dich nicht verlassen. Stets wird er Dich begleiten aber er ist kein Vater, der verhindert das Du fällst sondern einer, der Dich fallen läßt. Damit Du Dir die Knie aufschlägst, damit Du vorsichtiger wirst im Leben. “Ein Kind begreift einen heißen Ofen erst, wenn es auf die Platte gefasst hat” – so sagte schon mein Großvater.
Christa soll Dir ein Nachtlager bereiten. Du bleibst heute abend bei uns, wirst mit uns beten, wenn Du magst und vielleicht darin innere Ruhe finden. Sprich zu Gott, denn wenn Du zu ihm sprichst, sprichst Du zu Dir. Und wenn Du Dir selber zu helfen beginnst, dann hilft Dir auch Dein Gott.
Gute Nacht, Sohn.
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