Hermann Dierkes ist zurückgetreten. Er und sein engster Kreis in den Führungen der Duisburger und der NRW Linkspartei liegen am Boden. Da ist Nachtreten verboten. Die Schlacht ist geschlagen; die Kampagne ist beendet.
Die folgenden Zeilen dienen also nicht einer Siegerpose, sondern der Aufklärung eines Missverständnisses, auf das, so weit ich sehe, nirgendwo im umfassenden Material zu dieser Auseinandersetzung eingegangen worden ist. Die Frage wird häufig gestellt (und noch häufiger beantwortet), ob der gegen Dierkes erhobene Antisemitismus-Vorwurf berechtigt (gewesen) sei, oder ob hier
die Antisemitismus-Keule
geschwungen wurde. Der Antisemitismus-Vorwurf als Totschlag-Argument. Es werde, beispielsweise von mir, versucht, jegliche Kritik an Israel bzw. der israelischen Regierungspolitik dadurch zu unterbinden, indem dem Kritiker Antisemitismus unterstellt wird. „Reflexhaft” natürlich, weil zweckmäßig. Diese Nützlichkeitserwägung könne so weit gehen, irgendeine Israel-Kritik irgendeines politisch Missliebigen herauszupicken, um ihn mit der Antisemitismus-Keule nachhaltig zu diskreditieren. Im vorliegenden Fall hätten die WAZ-Gruppe und ich Dierkes denunziert, um die Kommunalwahlchancen der SPD zu erhöhen. Dies billigend in Kauf nehmend sei die Kampagne von der Linkspartei unterstützt worden, um ihren NRW-Landesverband zu schwächen. Und von den jüdischen Gemeinden und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aus vermeintlich naheliegenden Motiven.
Die Antisemitismus-Keule ist dieser Lesart zufolge ein sachfremdes innenpolitisches Instrument, das als Pranger dient. Dabei kommt „den Juden”, der Erinnerung an den Holocaust und der Israel-Debatte ein rein instrumenteller Charakter zu.
Nur am Rande: in der Tat verläuft die Agitation der Antideutschen genau nach diesem Schema. Und Dierkes selbst hat einmal öffentlich geargwöhnt, exakt diese Kräfte seien in seinem Fall am Werk gewesen. Dem ist jedoch nicht so gewesen.
Allerdings kann der Antisemitismus-Vorwurf nicht in jedem Fall als Totschlag-Argument tabuisiert werden; denn es gibt ja Antisemitismus. Und es gibt auch linken Antisemitismus. Dass die antizionistische Agitation eines Günter Ackermann in diese Kategorie einzuordnen ist, würden auch Dierkes und Rook kaum bestreiten.
Und hier sind wir am Kern des besagten Missverständnisses angekommen, der Definition des Begriffs Antisemitismus. Ich definiere ihn als judenfeindliches Ressentiment. Stimmungen, Empfindungen, Aussagen, Überzeugungen, die „den” oder „die” Juden wegen ihres Jüdischseins nicht ganz koscher finden.
Hier geht es weder um Antisemitismus-Forschung noch um die Anmaßung einer Definitionsmacht. Jedoch sollten wir uns über zwei Sachverhalte im Klaren sein.
Erstens: das antijüdische Ressentiment ist eben kein Monopol der Rechtsradikalen, der Faschisten, der (Neo-) Nazis. Über Jahrzehnte stabil werden bei etwa 30 Prozent der Deutschen antisemitische Auffassungen festgestellt. So viele Neonazis laufen in Deutschland erfreulicherweise nicht herum. Ein relativ geschlossenes faschistisches Weltbild wird – je nach Umfrage – bei fünf bis zehn Prozent der Bundesbürger ausgemacht.
Zweitens: deshalb stimmt die Gleichung Antisemit=Rechter=Faschist=Nazi=Mörder nicht. Der Antisemitismus ist ein weltweit auftretendes, seit biblischen Zeiten immerfort auftretendes Phänomen. Er durchzieht – mehr oder weniger stark ausgeprägt – auch die gegenwärtige deutsche Gesellschaft, in allen Bildungsschichten, sozialen Milieus, politischen Lagern. Es wäre schön, wenn die Judenfeindlichkeit nur am rechten Rand anzutreffen wäre.
Der Antisemitismus ist keine deutsche Besonderheit, ist aber in Deutschland aus verschiedenen Gründen und in verschiedener Hinsicht etwas Besonderes. Vor knapp 30 Jahren – zu Zeiten der Friedensbewegung, Anfang der 1980er Jahre – pflegte ich mit „meinem” VHS-Kurs nach der Veranstaltung noch in eine Gaststätte zu gehen. Noch etwas Plaudern und Diskutieren. Mit dabei: eine Gruppe älterer Herrschaften, bürgerliche Menschen, christliche Linke. Alles keine DKP-Leute, aber Nahestehende, Prokommunisten, wie damals etwas denunziatorisch gesagt wurde. Diesem Spektrum war auch das junge Pärchen zuzurechnen. Die schüchterne junge Frau trug einen sehr jüdischen Namen, und es wurde recht schnell klar, dass sie auch wirklich eine Jüdin war. Sie zuckte nämlich immer so zusammen, wenn eine der älteren Damen die Runde am Stammtisch mit Weisheiten versorgte wie: „Der Chinese ist der Jude des Ostens. Sehr gerissen.” Ihr Freund, von Hause aus auch kein Volksredner, warf sich daraufhin regelmäßig in die Matsche, um seine Liebe vor den ständigen Unglaublichkeiten zu schützen. Der Pfarrer im Ruhestand ließ uns wissen, dass Weinberger und all die anderen Juden in der Reagan-Administration Nachtmenschen seien. Das sehe man denen schon an.
Als ich mich einmal vorsichtig erkundigte, bei den christlich-prokommunistischen Oldies, ob ihre Erklärungsmuster nicht antisemitische Züge trügen, war – ich möchte fast sagen: reflexartig – die Empörung groß. Es folgte der Klassiker: „Ich bitte Sie! Das hat doch damit nichts zu tun. Viele unserer Freunde waren Juden.”
Ja, waren. Respekt vor dem Alter. Außerdem war ich auf die Kursteilnehmer angewiesen. Jedenfalls habe ich nicht gefragt, wie das kommen könne, dass die alle nicht mehr sind. Vielleicht auch doch; ich weiß es nicht mehr, es ist schon so lange her. Wir haben viel darüber geredet, die Alten hatten sich verteidigt, die junge Jüdin war froh. Froh darüber, dass die Herrschaften aus DFU, VVN, Ost-CDU und so in der Defensive waren. Dabei: es waren wirklich nette Leute. Es waren Linke, wahrlich keine Faschisten. Und nachweislich keine Mitläufer (oder Schlimmeres) während der Nazizeit. Der von der VVN war sogar Naziopfer. Die anderen waren es insofern auch, als dass sie ihre Kriegstraumata möglicherweise überwinden, aber bis ans Ende ihrer Tage nie das Trauma der Barbarei verarbeiten konnten.
Die Leute waren echt in Ordnung. Sie engagierten sich gegen die „Nachrüstung”, gegen Rechts und vor allem gegen den Faschismus. In gewisser Hinsicht waren sie Vorbilder. Aber sie waren zweifellos auch Antisemiten.
Werner Jurga, 27.02.2009
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