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2011 – das Jahr des unkonventionellen Gas?

25. Dezember 2010
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In Deutschland könnte es nächstes Jahr hoch her gehen. Nachdem in 2010,  vermehrt gegen Ende, immer öfter der Begriff “unkonventionelles Gas” zu hören und lesen war, könnte es in 2011 zu ersten Entscheidungen kommen. Und auch für uns am Niederrhein wird das nicht ohne Folgen bleiben.

Unter unkonventionellem Gas versteht man im Wesentlichen Gas-Vorkommen, die in Schiefer eingeschlossen sind (sog. Shale Gas) oder z. B. in Kohleflözen stecken.

Wikipedia definiert unkonventionelles Gas so:

Neben den oben beschriebenen Vorräten lässt sich Erdgas auch aus sogenannten nicht-konventionellen Vorkommen gewinnen. Hierunter fallen die oben beschriebenen Gasvorkommen wie Flözgase aus Kohleflözen, Erdgas aus Aquiferen, „Tight Gas“ und „Shale Gas“ sowie Gashydrat in Gesteinen und auf dem Meeresgrund. Die Erschließung erfolgt insbesondere durch Horizontalbohrungen und Fracing.

Die Größe der Vorräte an Nicht-konventionellem Erdgas kann nur sehr ungenau geschätzt werden; sie übertrifft aber die an konventionellem Erdgas sicher um ein Mehrfaches.

Noch vor wenigen Jahren war diese Art von Gas nicht wirtschaftlich zu fördern. Allerdings haben sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren deutlich geändert:

Zum einen steigen die Preise, was höhere Förderkosten aus betriebswirtschaftlicher Sicht zu rechtfertigen scheint. Zum anderen aber sind in den USA, wie auch in Europa so große Gasvorkommen angenommen, dass sich mit der Förderung des unkonventionellen Gas auch die energiepolitische Abhängigkeit von z. B. Russland eindämmen lassen kann.

Hier kommen also zwei Faktoren zusammen, Wirtschaft und Politik, die ein gemeinsames Interesse verfolgen. Schon das sollte Grund genug sein, genau hin zu schauen, was uns erwartet: Wirtschaft denkt in Profitmaximierung, Politik in Wahlperioden. Zusammen ergibt sich oft eine von bemerkenswerter Kurzsicht geprägte Auffassung der Welt.

Im Falle von Shale Gas wird auch schon entsprechend die Werbetrommel gerührt.

Wie stehen die Chancen, dass auch in Europa unkonventionelle Gasquellen in großem Stil erschlossen werden? Die Energieagentur schätzt die Vorkommen in der Region auf 35 Billionen Kubikmeter. Das wäre zwar nur ein kleiner Teil der weltweiten Vorkommen, aber dennoch ein Vielfaches der nachgewiesenen Reserven an konventionellem Erdgas in Europa.

Quelle: FAZ

Die Presse berichtet wenig ausgewogen. Zwar werden im Einzelfall die möglichen ökologischen Risiken angesprochen, doch oft nur in einem Nebensatz, wie in dem bereits verlinkten Artikel:

“Es ist zu früh, um das Potential in Europa abschätzen zu können”, sagt Geologe Schulz. Die Internationale Energieagentur glaubt, dass vor allem die potentiellen Umweltrisiken im Wege stehen könnten. Doch die Pariser Energieexperten weisen auch auf die Chancen hin: Die eigenen Reserven könnten groß genug sein, um Westeuropa 40 Jahre lang unabhängig von Gasimporten zu machen.

Die Marschrichtung scheint klar zu sein:

  • Dank “Peak Gas” brauchen wir unkonventionelles Gas
  • Die Förderung wird als wirtschaftlich betrachtet – zum Großteil durch nicht Einberechnung der ökologischen Kosten
  • Die politische Dimension hat einen erheblichen Einfluss auf die Entscheider in der Politik

Welche Ausmaße das in Europa und für Europa hat, kann man ab Beispiel Polen ganz gut sehen, das derzeit eine Vorreiter-Rolle übernommen hat:

Noch in diesem Jahr will BNK mit den Bohrungen beginnen. Werden die Unternehmen fündig, würde das auch Polens Politiker glücklich machen, denn das unkonventionelle Gas könnte die Abhängigkeit von russischem Erdgas verringern. “Polen baut gerade alle Möglichkeiten der Erdgasversorgung aus. Dazu gehört auch der Abbau der eigenen unkonventionellen Vorkommen”, sagt Mikhail Korchemkin, der Leiter der Beratungsfirma East European Gas Analysis. “Das polnische Umweltministerium hat dafür in jüngster Zeit 44 Lizenzen vergeben.”

Quelle: SPON

Die Vergabe, scheinbar ohne nennenswerte Probleme, durch das Umweltministerium scheint dabei bedenklich.

Beschäftigt man sich mit dem Förderprozess, stößt man schnell auf das “Fracting”. Um unkonventionelles Gas zu erreichen sind Bohrungen in tiefe Schichten notwendig. Dort muss dann das jeweilige Trägermedium aufgebrochen werden – bezeichnet als Fracting.

Bei diesem “Frac Job” wird eine große Menge Wasser mit Schäumen, Sand und Chemikalien angereichert und in das Bohrloch gepresst. Dabei soll es zu einer Art “Aufsprengen” der Gesteinsschichten kommen, durch das ein Ausströmen des Gases ermöglicht werden soll.

Der Sand dient dabei der Verfüllung der Risse, die Flüssigkeit wird, so wird stets beteuert, zurück gepumpt.

Sieht man mal von der Unwahrscheinlichkeit eines solchen Rückpumpens auf Grund der Kosten und technischen Herausforderungen ab, bleibt als große Fragezeichen-Komponente vor allem der Einsatz der Chemikalien.

Ähnlich dem Rezept für Coca Cola machen alle beteiligten Unternehmen natürlich schnell dicht. Man beteuert selbstverständlich, nichts zu unternehmen, was Mensch und Umwelt gefährden würde. Das das jedoch nicht stimmt, ist offensichtlich.

Die Bohrungen im Rahmen des Hydraulic Fracturing haben direkte Auswirkungen auf die Umwelt. Probleme können durch die eingesetzten Zuschlagstoffe und Flüssigkeiten entstehen, sobald diese aus den Rissen im Gestein ins Grundwasser übergehen.

Quelle: Wikipedia

Vereinzelt kann man Annahmen lesen, dass mehrere hundert Arten von Chemikalien involviert sind – und je nach Lage bis zu 70% der Flüssigkeit eben nicht zurück gepumpt wird. Beides für sich scheint schon ein Albtraum zu sein. Denkt man weiter, wird schnell klar, dass die Risiken schon jetzt unabschätzbar scheinen: Welche Auswirkungen wird der massive Einsatz von Chemie auf Mensch und Umwelt haben? Welche Auswirkungen werden die “Mikrosprengungen” in so großer Tiefe haben? Welche Langzeitauswirkungen können beobachtet werden? Wie könnte ein Recycling der verwendeten Chemikalien, eine Renaturierung der betroffenen Gebiete aussehen? Die meisten Fragen scheinen noch einer Antwort zu harren. Angesichts der Ideologie mancher Unternehmen sicherlich keine Überraschung. Am Beispiel Shell wird der eher… pragmatische Umgang mit Problemen deutlich – und der Glaube, alles würde gut:

Shell bohrt Testlöcher in zwei Kilometer tiefe Gesteinsschichten, in die das Klimagift gepumpt werden soll. Das Projekt läuft unter dem Slogan »Technologie wird Lösungen bringen«.

Quelle: Die Zeit

Ein weiteres Problem ist der Übergang von Gas ins Grund- und Trinkwasser. So gerne man dieses Problem auch als eher theoretischer Natur abtun würde, so wenig lässt es sich leugnen:

Ebenso kann das sehr unwahrscheinliche Eindringen des Gases in Grundwasserschichten oder gar ein Austreten an der Erdoberfläche nicht ausgeschlossen werden.

[...]

In den USA sind bereits Fälle belegt, in denen das Erdgas sich über solche Risse mit dem Grundwasser vermischt hat, sich darin löst, und über Wasserhähne in die Haushalte von Verbrauchern gelangt, die nahe der Förderungsfelder und Bohranlagen wohnen. Der im Jahr 2010 von Josh Fox gedrehte und vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilm Gasland machte sich aufgrund dieser Phänomene die Fracking-Methode zum Gegenstand.

Quelle FAZ.

Der erwähnte Film “Gasland” von Josh Fox sollte übrigens schon unter dem Gesichtspunkt gesehen werden, dass Fox selbst kein Kritiker der Förderung unkonventionellen Gases war und erst durch eine Anfrage aufmerksam wurde, die ihn selbst betraf:

Für uns als Niederrheiner wird das sicherlich ein spannendes Thema: Die Erfahrungen mit dem Bergbau, die Senkungen und die Schäden sind noch nicht so lange her, dass man sie hier vergessen hätte. Zugleich muss man aber kein Geologe zu sein um zu ahnen, dass auch der Niederrhein in den Fokus der Exploration geraten wird.

Anders als bei der Ausbreitung des Kohleabbaus sollten wir jedoch nicht einfach dem Fortschritt huldigen und dankbar aufnehmen, was da auf uns zu kommt.

Mittlerweile ist es technisch Möglich, die Abhängigkeit von Gas weiter zu reduzieren, statt von neuen und sagenhaften Quellen zu träumen. Wichtiger als die Betrachtung des reinen ökonomischen und politischen Wert wäre es zudem, die ökologischen Auswirkungen zu betrachten.

Sollte sich herausstellen – und man muss annehmen, dass es das wird, dass die Auswirkungen, sofern wir sie überhaupt schon abschätzen können, sich nachteilig auf Mensch und Umwelt auswirken, sind sie zwingend mit ein zu rechnen.

Das Interesse der Gasversorger dürfte dem entgegen stehen. Wie eh und je wird man versuchen, den Profit zu privatisieren und die Gefahren, Risiken und Kosten für die Wiederherstellung der Natur auf die Gesellschaft zu verteilen.

Als abschreckendes Beispiel dafür kann die “Öl”-Förderung aus den kanadischen Teer-Sanden dienen: Dort wird auf dramatische Art und Weise deutlich, dass sogar der verurteilenswerte Braunkohletagebau in seinen ökologischen Folgewirkungen eher eine kleinere Rolle zu spielen scheint.

Denn egal, wie viel Greenwashing man betreibt, manche Fakten bleiben einfach Fakten: “Öl aus kanadischem Teersand noch schmutziger als angenommen

Das diese “Erkenntnisse” nicht neu sind, liegt auf der Hand. Im Rausch um “billiges” Öl wollte jedoch lange Zeit niemand auf die Skeptiker hören – zu groß war die Versuchung, die eigene Abhängigkeit zu reduzieren und den Status Quo zu erhalten.

Es bleibt  zu hoffen, dass Europa genau schaut, was in den USA passiert, wenn es um unkonventionelles Gas geht. Die ersten Erfahrungen aus Polen jedoch machen mich glauben, dass es auch hier eher zu schnell geht.

Von daher ist zu erwarten, dass 2011 in gewisser Weise das Jahr der Entscheidung wird,was die Exploration von Lagerstätten in Deutschland angeht. Und wir alle wären gut beraten, uns schnell auf den aktuellen Stand zu bringen – und die Diskussionen aufmerksam zu verfolgen.

Hier wird es vermutlich nicht zum letzten Mal Thema gewesen sein.

Wer sich mit dem Thema beschäftigen möchte, kann wahlweise mal Mama Google fragen, die inzwischen viele hundert Links bereit hält. Oder man beginnt mit zwei sehr nachdenklich stimmenden Filmen, deren Kritikpunkte es oft nicht in den Spiegel, die Zeit, FAZ oder andere etablierte Medien schaffen:

Hier kann man Gasland kaufen:
amazon.com – leider noch nicht in Deutschland direkt.

Und hier kann man Petropolis kaufen:
amazon.ca – leider noch nicht in Deutschland direkt.

  1. 27. Juli 2011, 23:20 | #1

    Hi Stefan..

    ich denke immer wieder gerne an den unvergesslichen Sylvesterabend im LaPaDu..
    aber auch daran was beim Stammtisch sich alles verändert hat…

    Wir beide polarisieren dritte nicht nur in den Foren, und dennoch sind mir da viele Leuddz wichtig geworden; für die ich aber seit meinem Studiobetrieb … einfach fast keine Zeit mehr frei hatte! Sonst hätte ich nicht überlebt..

    In kürze feier ich mein 2-Jähriges Studiobestehen… und werde wohl bald ganz langsam so was wie “Freizeit” endlich selbst wieder erleben. Ein paar wenige “aus der alten Zeit” lade ich ein dabei zu sein.., sich mal wieder zu sehen..

    Ich würde mich freuen wenn auch du Stefan Zeit dafür findest.

    Alles weitere kommt per PN im Forum.
    Gerd

    NRW-Foto “Fotostudio & Fotoschule” Gerd Drüppel
    44629 Herne – Kaiserstrasse 1 A,

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