Home > gedanken, ökonomisch > Stürmchen im Wasserglas?

Stürmchen im Wasserglas?

6. Januar 2011
No Gravatar

Im Moment wird relativ kontrovers über das Musik-Projekt “All Day” von Girl Talk diskutiert. Kern der Diskussion ist die Frage, wie weit die im amerikanischen Recht implizit vorhandene Regelung des “Fair-Use” trägt.

Darf man einen Sampler bauen, der aus einem Track besteht und im Grunde eine Stunde Musik spielt – die komplett aus “Zitaten” anderer Songs besteht? Aktuell wird gespannt darauf gewartet, wie die Musik-Industrie wohl darauf reagiert.

Dabei sind Girl Talk bei weitem nicht die ersten. Das Konzept gab es vor vielen Jahren schon in Deutschland – zum allgemeinen Bedauern jedoch ist das Konzept des “Fair Use” bei uns ja gar nicht vorgesehen.

Vor Jahren gab es eine nicht so ganz legale CD-Reihe namens Deep-Dance. Ein Mal im Monat konnte man im richtigen Laden unter der Theke die neue CD kaufen.

Im Grunde war es das Gleiche wie All day, also ein “Sampler” mit unzähligen Musikstücken – zusammengefasst in ein bis 3 Tracks, meistens mit nettem Intro versehen.

Der Musik-Industrie war das ein Dorn im Auge. Eine Tatsache, die ich Zeit meines Lebens nicht verstehen werde. Ich habe einige der CDs gehört und fast immer folgte der Blick ins Booklet und das Erstellen einer Einkaufsliste.

Vor der Einführung von DRM war es bei mir durchaus üblich, mehr als 100 D-Mark im Monat nur für neue Musik auszugeben, gerne auch mal bis zu 250 Mark.

Ich begriff Deep Dance damals zwar als “sicher nicht ganz legal”, aber mir fehlte auch jedes “Unrechtbewußtsein”, eben weil die CDs für mich wie Werbung waren: Ich hatte “Teaser” der kompletten aktuellen Musik und konnte mal rein hören und dann ab in den Laden, CDs kaufen.

Das alles gibt es natürlich heute nicht mehr. Deep Dance mag es im Netz geben, aber mit dem Ende der Phase in der ich bereit war für CDs Geld zu bezahlen, verlor ich auch das Interesse am Deep Dance – Konzept.

Die Musik-Industrie gräbt sich weiter fleißig ihr Grab – indem sie dem Kunden nimmt, was er fordert.

Aktuell kann man das sehr schön an der “Dieses Video ist in Deinem Land nicht verfügbar”-Nummer sehen. Glaubt innerhalb der Industrie wirklich jemand, Sperren wäre geschäftsfördernd?

Die Kunden reagieren immer deutlicher, wie der Twitterer “TheBigStefano”, der seiner Wut freien Lauf ließ:

WIE ES MICH ANKOTZT, DASS EINFACH KEIN SCHEISS MUSIKVIDEO MEHR IN DEUTSCHLAND VERFÜGBAR IST. FICKT EUCH ALLE

Im Grunde kann man unter solchen Bedingungen der gesamten heutigen Musikindustrie nur ein rasches Ableben wünschen. Wer ehrliche Kunden bestraft, indem sie keine Videos auf Youtube sehen dürfen und sie dann noch mit “Superstars” wie Justin Bieber quält, der hat seine Existenzberechtigung verloren. Und es ist ja nicht so, als wäre die Diskussion zwischen dem was Nutzer wollen und dem was die Industrie bietet neu. Wir reden seit Jahren über das Thema.

Und aktuell liegt mir ein neues “Konzept” vor das zeigt, dass die Musikindustrie entweder nichts begriffen hat.

Oder nichts begreifen will.

Kommentare sind geschlossen