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EON-Chef spielt Angst-Klaviatur

16. Juli 2011
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Manager müssen mehr, als Unternehmensentscheidungen treffen. Sie müssen auch das Unternehmen nach Außen vertreten und verkaufen. Wie das perfekt funktioniert, zeigt E.ON-Chef Teyssen in einem beunruhigend unkritischen Interview auf derWesten:

Dort kann und darf er ungestraft all die Schauergeschichten verkaufen, die man von der Atom-Lobby kennt. Das der Strom knapp wird. Das die Netzt kollabieren. Dass es in Deutschland, in ganz Europa dunkel und kalt werden wird. Teyssen spielt ungeniert und geschickt auf der Klaviatur der Angst des gemeinen Bürgers: Das das Leben teurer und vielleicht unkomfortabler wird.

Teyssen: Es wird enger. Ich denke an kalte Wintertage, an denen es windstill und stark bewölkt ist. Dann könnten im Stromnetz Reservekapazitäten fehlen, die in der Vergangenheit unter anderem durch Kernkraftwerke zur Verfügung standen. Das Problem betrifft insbesondere den Süden Deutschlands. Hinzu kommt: Wenn in Deutschland das Netz zusammenbricht, droht ein Domino-Effekt in Europa .

Wie bitte?

Hätten die großen Energieversorger in die Netze investiert, wäre da überhaupt kein Problem. Hätte man in Betracht gezogen, internationale Versorgung zu ermöglichen, hätte man sogar noch einen riesigen Sicherheitspuffer. Statt dessen wollen die großen Energieversorger hektisch jetzt ihre Netze verkaufen. Damit niemandem vor dem Verkauf auffällt, dass wir da ein Problem haben. Das nennt sich Investitionsstau. Aber lieber die Mär verbreiten, Atomkraftwerke hätten die Grundlast geboten. Ist klar. Das negiert natürlich nebenbei auch mal wieder die mangelnde Regelbarkeit der Kraftwerke.

Und das man unschuldiges Opfer der Gaspreise geworden ist. Also, dass die Kunden so hohe Preise zahlen müssen, dafür kann E.ON natürlich nix:

Ein weiteres Sorgenkind im Konzern ist Ihr Gasgeschäft. Die Preise für Erdgas sind im Keller, aber ihre Tochter Ruhrgas sitzt auf teuren langfristigen Lieferverträgen vom russischen Staatskonzern Gazprom. Lässt sich das Problem nur vor einem internationalen Schiedsgericht lösen?

Teyssen: Wir verhandeln zunächst weiter. Aber es kann Situationen geben, in denen man Fragen streitig klären muss. Das kommt auch in Familien vor, ohne dass sofort die Scheidung eingereicht wird. Im Übrigen: Gazprom ist ein wichtiger Partner für uns, aber wir sind nicht allein von diesem Partner abhängig. Ein Drittel unseres Gases kommt aus Norwegen, ein Drittel aus Russland, ein weiteres Drittel aus anderen Quellen.

Bitte was?

Zunächst ist es natürlich total unglaubwürdig, dass jede Preiserhöhung auf dem Markt direkt an den Kunden weiter gegeben werden kann, Senkungen aber kaum und dann nur mit erheblichem Verzug – weil Verträge daran schuld sind.

Manchmal frage ich mich, ob “die Presse” noch weiß, was ihre Aufgabe ist. Sicherlich ist nicht ihre Aufgabe, dem Konzernboss eine Plattform zu geben um sich als liebevoller Vater und um das Gemeinwohl besorgter Unternehmer zu präsentieren. Denn Teyssen ist knallharter Geschäftsmann, der in erster und einziger Linie seinen Shareholdern verpflichtet ist.

Es hätte dem Westen gut gestanden, hier nach zu bohren. In die Tiefe zu gehen und die Argumentation Teyssens als das zu entlarven was sie ist: Marketing Geschwurbel der Atomlobby.

Allerdings ist es fraglich, ob Teyssen dann mit dem Westen geredet hätte. Er hätte sich dann vermutlich eine weniger kritische Publikationsplattform gesucht. Davon gibt es in Deutschland genug, denn die Presse hat viel, wenn nicht alles, von ihrem Biss verloren und spielt kaum noch die Rolle der 4. Gewalt im Staat.

Schade eigentlich.

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