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Social Media: nur zentral gut?

9. Mai 2012
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Was passiert eigentlich wenn, ist eine immer gute Frage.

Nach wie vor ist Social Media ein “Buzzword” im Internet und eigentlich kein Unternehmen und kaum ein Mensch mit Internetzugang kommt um das Thema herum.

In der klassischen Sichtweise ist Social Media allerdings ein merkwürdiges Konstrukt, bezeichnet es doch zentralisierte, homogenisierte Plattformen wie Facebook und Twitter. Dort ist man vertreten, dort ist man vernetzt. Dort trifft man sich, dort tauscht man sich aus.

Der Fehler im System?

Die Abhängigkeit!

Denn was passiert eigentlich, wenn z. B. Facebook die Pforten schließt? Das muss ja nicht das ganze Unternehmen betreffen, es reicht ja einzelne Nutzer oder Unternehmen auszuschließen?

Die Gründe dafür können vielfältig sein, der Rechtsweg ist allerdings zu meist ausgeschlossen.

Aber was passiert da?

Durch die Festlegung auf einzelne Websites, die man fälschlicher Weise als “Social Media Network” bezeichnet, zentralisiert man seine Kommunikation. Spaßeshalber habe ich mir hierbei mal die Websites und die Facebook-Präsenzen deutscher Autobauer angesehen:

Während die Websites nicht zur Kommunikation einladen, eignet sich Facebook  nur sehr bedingt zur Produktpräsentation. Will ich also im Rahmen der Markenbindung mit den Kunden (oder als Kunde mit dem Unternehmen) verbunden sein, muss ich das bei Facebook machen. Suche ich ein Angebot, mache ich das auf der Website. So weit so klar.

Schließt jetzt Facebook die Seite des Unternehmens, gehen schlagartig alle Kundenbeziehungen, die dort aufgebaut und gepflegt wurden, den Bach runter.

Im Privatleben bedeutet das: Meine Texte, Kommentare, Fotos und meine Freundeslisten sind futsch.

Es ist erstaunlich, wie viel Erfolg Facebook und Co dabei haben. Man gibt sich gar nicht die Mühe, Non-Konformisten anzulocken. Denn selbst die größten Unternehmen passen ihre Präsenzen in das Corporate Design des Anbieters. Und der entscheidet dann auch gleich, was die Besucher sehen dürfen und was nicht.

Die Alternative wäre, auf eigene Websites und Dienste wie Blogs zu setzen.

Häufig wird dem entgegen gehalten, das sei zu kompliziert und aufwändig. Aber mal realistisch betrachtet, hat es eine ganze Reihe von Vorteilen:

Nicht nur, dass ich unabhängiger vom Dienstangebot eines einzelnen Unternehmens bin, ich unterwerfe mich auch nicht der Inhaltskontrolle und schon gar nicht der Uniformität.

Ich kann schreiben was ich will, zeigen was ich will und ein Design verwenden, dass mir am Besten gefällt. Unternehmen waren ihre Unabhängigkeit und können ihr eigenes CD fahren.

Soziale Netzwerke gibt es seit Anbeginn des Internets. Sie entstehen durch Hyperlinks, letztlich DAS Basis-Feature des World Wide Web. Sie entstehen durch Interatktion, wie es sie schon vor dem WWW gab, z. B. in Newsgroups. Und sie überdauern Technologiewechsel in der Regel unbeschadet.

Warum also sollte man sich als Unternehmen an Facebook binden? Ein Like dort bedeutet nichts im Vergleich zu einem Aufruf der eigenen Website oder der Kenntnisnahme eines RSS-Feeds. Und ein Share ist weniger verbindlich als ein Hyperlink.

Es scheint wenig öknomische und strategische Gründe zu geben, sich in die Hände von Facebook und Co zu begeben. Außer vielleicht den Grund, dass Menschen gerne nach Gruppen streben und charismatische Führer bevorzugen. Wenn diese Führungspersönlichkeiten es dann noch schaffen, die Gruppe als “potentielle Werbeempfänger” zu vermarkten, wird es auch für Unternehmen interessant.

Twitter ist da witziger Weise anders: Zwar entstehen dort soziale Netze durch Folgen und Gefolgt werden. Aber Twitter hat mehr mit dem Internet in seiner Reinform zu tun, als jedes andere soziale Netz: Dort werden vor allem und in erster Linie Links gehandelt und die Diskussionen auf Blogs und Websites geführt. Twitter ist im Grunde ein “News-Aggregator” unter den sozialen Netzen, der sich als Mittler zwischen den Netzwelten versteht – im Gegensatz zu Facebook, als alles vereinnahmendes Konstrukt.

Als Unternehmen muss ich mir die Frage stellen, ob Facebook wirklich “too big to fail” ist und nicht das Myspace-Ende erleben wird. Ich denke, genau das wird passieren. Was passiert aber dann mit dem Geld, das ich in die Unternehmenspräsenz dort investiert habe? Wie portiere ich meine Kundenbeziehungen in “the next big thing?”

Als Mensch muss ich mir die Frage stellen, ob ich mir wirklich sagen lassen will, was ich sagen, denken und schreiben darf und ob ich wirklich meine Erinnerungen, Fotos, Freunde einem Unternehmen zur kostenfreien Nutzung überlassen will – und was mit all meinen Inhalten passiert, wenn Facebook dereinst nicht mehr ist.

Mein Fazit?

Das Internet braucht wieder mehr Websites, Blogs, Newsgroups, Foren und Chats. Und weniger zentral Strukturen.

Und Ihr müsst langsam mal anfangen, an die Post-Facebook-Ära zu denken…

  1. 9. Mai 2012, 16:44 | #1

    Ich glaube ein wenig hättest du nicht so die Keule rausholen müssen, wenn du letztes Jahr Facebooks Open Graph Erweiterung mitbekommen hättest, die es ja schon länger gab, die aber sehr reformiert wurde. Viele von den “Inhalten”, die bei Facebook zu sehen sind, sind zwar “auch dort” zu sehen, aber eben nur mittelbar. Denn eigentlich werden sie in Blogs, in Mikro-Social-Networks, über Apps, etc. pp. verbreitet und nur auf Facebook wg. der OG-Schnittstelle auch veröffentlicht. Open Graph ist genau das Gegenteil von dem, was du Zentralisierung nennst, nämlich Dezentralisierung. Klar kulminiert alles auf Facebook, das wollen sie ja auch, aber d. h. eben nicht, dass “nur dort” die Daten vorhanden sind, im Gegenteil ist das dann eher wie bitTorrent.

    Wer beispielsweise Instagram nutzt, postet seine Fotos dort natürlich auch auf Facebook, aber er hat sie eben auf seinem Smartphone, auch auf dem Rechner daheim und zusätzlich noch auf den Servern von Instagram. Die ganzen Bloginhalte werden auch auf Facebook kopiert. Und es gibt Leute, die, wenn sie schon auf Facebook posten, das dann mit Mitteln tun, die ihre Inhalte “auch” noch auf Twitter, und/oder Google Plus oder ihren Blogs, oder oder veröffentlichen. Oder glaubst du, es gibt wirklich sooo super viele Leute dort draußen, die gleichzeitig 127 Social Networks und Buzz-Apps nutzen können, ohne dabei verrückt zu werden? Also bestimmt gibt es mehr, als man glaubt, nur vor allem dein Fazit kann ich nicht teilen, weil ich sehr star an Facebook partizipiere und trotzdem höchsten 1% meiner Inhalte “direkt” auf Facebook entstanden sind. Der Rest kommt von anderswo, und wird nur “auch” auf FB angezeigt.

    • 9. Mai 2012, 19:46 | #2

      Hi Alex,

      wie jetzt? Zwar läuft alles bei Facebook zusammen, ist dort aber dezentral? ;-)

      Du hast aber vermutlich die Intention meines Textes nicht verstanden. Ich nehme an, ich habe mich undeutlich ausgedrückt. Es geht mir um die “Gleichschaltung des Netzes” durch die Uniformität von FB und die zentrale Festlegung zulässiger und unerwünschter Inhalte, so wie um die Gefahr die droht, wenn FB das gleiche Schicksal erfährt wie MySpace…

  2. 9. Mai 2012, 20:10 | #3

    Hallo Dicke Hose.

    Na ja du hast so getan, als wären die Daten alle bei Facebook ausschließlich, das sind sie in vielen Fällen nicht. Wenn im p2p was ausfällt sind die Daten ja auch nicht futsch.

    Schau, bspw.: https://www.facebook.com/alexander.b.trust/activity/10150944473483969 und: http://instagr.am/p/KYvhJ9DnzQ/

    Zwei mal das gleiche Foto. Ich hab’s außerdem auf meinem Smartphone, weil ja dort die App läuft, mit der ich das tue. Außerdem sind sie auf der Festplatte meines Rechners, in Apples iCloud, weil sie dorthin automatisch synchronisiert werden und sie sind noch bei Instagram auf den Servern. Das ist für mich alles andere als zentral. Nun kann ich deinen Vorwurf nicht nachvollziehen. Ja was passiert denn, wenn bei Facebook jemand den Stecker zieht?

    Zudem sprichst du von Abhängigkeit. Im Gegenteil, Facebook ist das Beste, was dem Markt passieren konnte – jedenfalls von dem Standpunkt aus, dass wir uns von irgendwem oder irgendwas abhängig machen. Ich sage dir warum, weil Facebook nämlich Google Konkurrenz macht und damit die “Abhängigkeit” von Google gebrochen wird. Genau das, was du forderst. Hast du mal erlebt, wie mittelständische Unternehmen auf Google angewiesen sind, in deren Suche weit vorne zu rangieren und was passiert, wenn da nicht nur wg. Manipulation, sondern unbegründet oder wegen technischer Fehler mal was daneben läuft? Da hängen Einnahmen dran. Da ist es doch gut, wenn man 2 Plattformen hat, die einem ermöglichen, erkannt zu werden oder Geschäfte zu machen.

    Welches Schicksal ist denn MySpace widerfahren?

    Letztes Jahr gab es zum ersten Mal den Punkt, an dem Leute mehr Zeit mit der Suche in FB verbracht haben als mit Google. Im Anschluss hat Google sein Social Network aus der Taufe gehoben, um wieder Boden gutzumachen.

    Du hast Angst, dass die Daten weg wären, wenn bei Facebook der Stecker gezogen würde? Kann ich echt nicht nachvollziehen. Meine Daten wären noch da. Zudem gibt es in 9 Tagen den Börsengang von Facebook, ein Grund mehr, warum nicht morgen schon alles vorbei sein wird.

    Ansonsten tja, scheine ich wirklich nicht zu verstehen, was dich stört. Die Uniformität der Suchergebnisse bei Google scheint es nicht zu sein, weil die beklagst du ja nicht, aber da sieht doch auch alles gleich aus?

  3. Jochen
    9. Mai 2012, 20:21 | #4

    Noch schlimmer als dass Facebook jemanden ausschließt ist ja, wenn Facebook dann DIE Anlaufstelle für Informationen aller Art wird und/oder Google dicht macht.

    Wir bräuchten nicht einmal Facebook, alleine die Vorstellung, dass Google die Einnahmen wegbrechen und der Laden dicht gemacht wird, genügt schon. Ich habe keine Ahnung, wie es hier läuft, aber die aller meisten Perlen im Internet werden über Google gefunden. Freiwillig besucht doch heute keiner mehr irgendeine Seite. Die Leute kommen über Google News oder weil sie ein Problem beschreiben, das in einer Überschrift wieder auftaucht.

    Der große Nachteil am dezentralen Internet ist doch, dass NIEMAND mehr IRGENDWAS findet. Und das, liebe Web-2.0-Gemeinde, ist durch die Weblogs nur noch schlimmer geworden. Da kocht nämlich jeder sein eigenes Süppchen und ein Weblog zum Thema Windows kennt sich mit Linux natürlich nicht aus.

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