Der Krampf um „Mein Kampf“

Ich bin… irritiert.

Seit vielen Jahren glaube ich ja schon, dass die Diskussion um Hitlers Buch „Mein Kampf“ am ehesten von dem Mythos lebt den ein Buch umgibt, das nicht verkauft werden darf. Vermutlich ist es inhaltlich eher… strange. Nach allem was man so hört ist Hitler ja nicht unbedingt der begnadete Autor.

Trotzdem würde ich es gern lesen. Weil mich immer schon interessiert, was unsere Geschichte ausmacht und ich glaube in all den historischen Fakten und interpretierten Wahrnehmungen ist eine solche Quelle historisch höchst interessant.

Jetzt gibt es also „Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition„. Naja, geben ist auch eher so eine Sache: Bei Amazon z. B. ist das 59€(!) teure Buch derzeit gar nicht verfügbar.

Was mich aber so irritiert ist folgendes:

Zunächst scheint man der Meinung,  dass man uns nur eine kommentierte Fassung zumuten kann. Warum? Weil Nazis sich dafür interessieren, was Historiker kommentieren? Weil der Normalbürger sonst Gehirngewaschen wird? Weil geschichtsinteressierte Menschen wie ich nicht kritisch lesen können? Ich finde das sehr befremdlich.

Noch befremdlicher finde ich aber, was ich heute auf „derWesten“ lesen durfte:

In Duisburg hingegen hat Buchhändlerin Elisabeth Everts „unerwartet viele Nachfragen“ erhalten, „von Menschen, die wir bis dato nicht kannten und bei denen wir ahnen, aus welcher politischen Ecke sie kommen“. Wer das Buch bei ihr verlange, „muss uns nachweisen, dass man es tatsächlich für wissenschaftliche Zwecke nutzen will“. Dann würde Everts es auf Verlangen bestellen.

Wie jetzt? Ich soll einer Buchhändlerin nachweisen, dass ich ein Buch für wissenschaftliche Zwecke nutzen will? Das ist ja schon in sich unschlüssig: einen Beweis für eine Absicht zu erbringen ist ja schon mal per se nicht möglich. Aber ist das ernsthaft eine Gesinnungsprüfung? Aber geht noch besser:
„Nein, wir bieten das Buch nicht an“, sagt zum Beispiel Elisabeth Evertz, Chefin der alt eingesessenen Duisburger Buchhandlung Scheuermann. Auch wenn das renommierte Münchner „Institut für Zeitgeschichte“ (IfZ) hinter der Neu-Veröffentlichung steht, ist dessen umfangreich kommentierte „kritische Edition“ für Everts „noch immer eine Neu-Ausgabe von Hitlers Text. Den zu vertreiben verstößt gegen meine Auffassung von meinem Beruf als Buchhändlerin“.

Manche Buchhändler gehen gar so weit zu entscheiden, welche Bücher sie für lesenswert halten und welche nicht?

Ernsthaft? Der Beruf einer Buchhändlerin definiert sich darüber zu entscheiden wer welches Buch lesen darf? Legale Bücher, wohlgemerkt?

Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob die Leute eigentlich wissen, was sie da machen und sagen. Und dann hoffe ich immer, dass es nicht so ist.


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Autor: unkreativ

Gelegentlich hat der Unkreative das Gefühl, er müsse Euch etwas wissen lassen. Das kann sinnvoll sein. Muss es aber nicht. ;-)

2 Gedanken zu „Der Krampf um „Mein Kampf““

  1. Ich bin keine Wissenschaftlerin. Und ich behaupte von mir selber mit Sicherheit nicht in der rechten Ecke zu stehen. Trotzdem habe ich das Buch gelesen. Vor ziemlich langer Zeit, war ein Dachbodenfund. Aus Interesse, schließlich stand das Machwerk ja mal bei so gut wie jedem in der guten Stube herum und wurde, vermutlich ähnlich wie die Bibel, von den meisten nie so wirklich gelesen. Ob es was geändert hätte wenn mehr Menschen früher dieses Buch gelesen und verstanden hätten was darin stand?

    Was ich auch nicht groß verdenken kann, es ist vom literarischen Standpunkt aus einfach grottig. Ich habe auch einige Zeit gebraucht mich da durch zu beißen. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern was da so drin stand, aber das Gefühl beim Lesen, das ist immer noch präsent. Auch nach zwanzig Jahren noch. Es ist ein Gefühl absoluter Fassungslosigkeit und die Frage, wie ein Mensch mit Intelligenz und Empathie an diese wirre Weltvorstellung glauben kann?

    Es ist exakt das Gefühl daß mich beschleicht wenn ich die Artikel zu den letzten Vorfällen lese. Wobei Boulevard und ehemaliger Qualitätsjournalismus sich da nicht mehr viel nehmen. Es ist das Gefühl wenn ich an dem Containerdorf in der Nachbarschaft vorbei fahre. Ich persönlich habe keine Angst vor den Menschen in Not, die dort vorüber gehend untergebracht sind. Mich beschleicht eher ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken daran daß es in Deutschland wieder Baracken mit Zäunen drum und Wachschutz gibt. Auch wenn der Wachschutz die Menschen innerhalb der Zäune vor denen zu schützen versucht, die mit der Fackel davor stehen.

    Sollen die Menschen dieses Buch doch lesen. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument. Kein literarisch wertvolles, zugegeben. Am Ende ist und bleibt es ein Buch. Dem man, immer noch, mehr Macht einräumt als es haben sollte. Zur Not kann man es noch nutzen um den Kamin anzuheizen, hat man es wenigstens warm. 🙂

  2. Ich denke auch, dass ein Verbot dieses Buchs Bullshit ist. Damals in der Schule gab es einen Auftritt von Serdar Somuncu mit seinem Programm, wo er aus „Mein Kampf“ vorlas und das hat mich nachhaltig beeindruckt, denn es war ziemlich klar, dass der Inhalt verrückt ist.

    Allerdings halte ich es falsch von dir, sich darüber aufzuregen, dass ein Buchhändler das nicht verkaufen will. Du hast das Recht, alles was nicht illegal ist, kaufen zu dürfen. Es hat aber niemand die Pflicht dir etwas zu verkaufen. Schliesslich kann mich niemand dazu zwingen, dass ich als Freelancer für jemand anderen arbeiten MUSS. Genauso wenig wie du ja möchtest, dass jeder rechte Schund in einem Buchladen verkauft werden muss. Klar, spätestens im Internet kriegst du die Bücher irgendwo.

    Ich muss sagen, dass ich eher das Gegenteil gut finde. Buchhändler mit Gewissen und einem Interesse an ihrer Ware sind mir da wirklich lieber. Ich war letztens bei Thalia und stöberte da so rum, während ich auf einer der Promotionflächen auf Bücher vom Kopp Verlag stiess. Ich habe daraufhin einen der Mitarbeiter darauf angesprochen, dass ich es doof finde, dass sie Bücher von diesem Verlag verkaufen und dann auch noch so präsent. Der Mitarbeiter stimmte mir da zu und meinte, dass er das selber blöd findet, aber das die Firmenleitung das anhand der Verkaufszahlen so angeordnet hätte. (Es ging in den Büchern um die pösen Migranten-Invasoren-Mörder) Sein kleiner Protest dagegen wäre, direkt neben diese Bücher eben Bücher mit dem Kontra-Standpunkt zu so einem Schund zu legen.

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