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Dinge, die einem den Morgen versauen

22. Januar 2009
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Es gibt manche Tage, da macht man den Computer besser gar nicht erst an. Weil das, was man findet ist das, was man garantiert nicht finden will.

Da gehst Du auf das Lawblog und Dir fällt der Kitt aus der Brille:

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien fühlt sich auch für Weblogs zuständig. Sie hat ein Blog indiziert, das Magersucht verherrlichen soll.

Äh… wie bitte? die BpjM indiziert jetzt Blogs? Waraum dann nicht gleich die Presse und dann bitte die Bildzeitung wegen Verbreitung von Pron?

Udo referenziert dabei das beck-blog, das schreibt:

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat erstmals einen Blog im Internet indiziert, der Anorexie  und Magersucht (Anorexia nervosa) in Gedichten, so genannten „Glaubensbekenntnissen”, Handlungsanweisungen und „Motivationsverträgen” extrem positiv darstellt und glorifiziert.

Also, um das klar zu stellen: Das geht mal gar nicht.

Was mir dann richtig die Nägel hochrollt, ist diese Begründung:

Solche Medieninhalte unterliefen Elternrecht- und -pflicht und nötigten Kinder und Jugendliche, sich dem Erziehungsbemühen zu entziehen.

Natürlich. Man nötigt die Kinder und man unterläuft die Rechte der Eltern. Statt hier mal die Frage zu stellen, warum heute so viele Kinder versuchen auszubrechen, warum so viele Kids „entgleiten“, will man lieber wieder einfach nicht darüber reden. Dann merkt es vielleicht keiner.

Und generell, wenn schon bewerten, dann doch bitte nicht so, dass Blogs „einfach Medien“ sind:

Blogs sind wenn überhaupt eher der Presse zuzuordnen, als manche „Zeitung“ das heute noch ist.  Und schon von daher verbietet sich eine Zensur.

Und nur damit wir uns richtig verstehen: Es geht mir nicht um die inhaltliche Wertung dessen, was hier beanstandet wird.

Es geht mir um das Prinzip:

  1. Wir wissen, dass solche Maßnahmen nichts bringen
  2. Wir wissen, dass es solche Informationen an anderer Stelle gibt
  3. Wir wissen, dass Verbote den Reiz erhöhen
  4. Wir wissen, dass solche Aktionen willkürlich sind!

Heute ist es die „Verherrlichung von Magersucht“. Morgen wird Burks dann „indiziert“ wegen Terrorismus.  Dann Fefe wegen Verschwörung, und am Ende ich, weil ich öffentlich zur „Verschwörung“ aufrufe.

Zensur ist niemals richtig. Zensur ist niemals gut.

Natürlich gibt es Grenzen in dem, was man schreiben darf. Diese Grenzen regelt ein Gesetz, in letzter Instanz das Grundgesetz mit den Regeln zur allgemeinen Würde des Menschen. Und an der Stelle ist Feierabend. Wo kommen wir denn da hin, wenn demnächst kritische Veröffentlichungen von der BPjM dahingehend geprüft werden, ob sie nicht zu opportun zum Mainstream sind?

[Entschuldigt, der letzte Satz war… ohne zu denken :-(]

Bei der Gelegenheit übrigens auf ein interessantes Blog gestoßen: News-HQ

Nachtrag:

Das Thema scheint von besonderem Interesse, ich hatte bereits um 13 Uhr  ~98% der Unique Visitor eines durchschnittlichen Tages!

Nachtrag2:

Inzwischen der Tag mit den meisten eindeutigen Besuchern des Monats und des letzten Quartals. Liegt möglicher Weise auch daran, dass inzwischen Fefe auf das beck-blog verweist und ich dort einen Trackback ziemlich weit oben habe. Derzeit ca 60% Visits von da, 30% via Lawblog, 10% andere Quellen (Google und andere Blogs)

Nachtrag3:

Ich fürchte ich muss versuchen, mich noch deutlicher auszudrücken, nachdem sich Spreeblick nicht sehr positiv zu meinem Beitrag hier positioniert hat. Hoffe aber mein Kommentar dort hat die Unklarheiten beseitigt. Allerdings scheint Spreeblick nicht unumstritten. Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Freshzweinull wertet das alles als lesenswerte Diskussion :-)

  1. Pater Rolf Hermann Lingen
    23. Januar 2009, 15:54 | #1

    Man denke auch an b***caust.de – die Seite wurde von der brd auch zur Zensur gezwungen.
    Der Betreiber K. G. A. kommentiert ein diesbzgl. Schreiben der einschlägig berüchtigten „Sozietät R.“ (Ausrottung der katholischen Kirche in Deutschland); die R****ianer haben im Auftrag der brd die Indizierung von b***caust.de betrieben:

    O-Ton Annen:
    a****
    Dieses Schreiben der RAe R., S., D. & W. aus **** im Auftrage der Bundesprüfstelle jugendgefährdender Medien ist schon eine bodenlose Frechheit Auf der ganzen indizierten Homepage http://www.B***caust.de (alte Version) wurde die Abtreibung nicht mit dem Holocaust gleichgesetzt. Es wurde lediglich der Holocaust dem B***caust gegenüber gestellt. Und dies dürfte doch legitim sein, oder? Die Forderung , die Vielzahl der beanstandeten Bilder durch ein einziges zu ersetzen, bringt das Faß zum überlaufen. Das hat nichts mehr mit Informations- oder Meinungsfreiheit zu tun. Das ist knallharte Meinungs-Diktatur
    ****e

    Außerdem weist A. darauf hin, dass die Ausstellung „Körperwelten“ von der brd unbeanstandet bleibt.

    [Anmerkung: Ich habe relativ strikt anonymisiert, weil ich mir über die Quelle nicht im Klaren bin und auch nicht so genau weiß, was ich von der ganzen Geschichte halten soll. Man sehe es mir nach 😉 MS]

  2. Jan
    24. Januar 2009, 01:53 | #2

    Die Argumentation hier ist das peinlichste was ich seit langem gelesen habe. Bleibt mir nur noch ein But Alive-Zitat:

    Das Gegenteil von Freiheit ist Gesetz,
    das Gegenteil von Kunst ist Zensur.
    Seid Euch weiter so sicher,
    macht euch noch lächerlicher.

    Und nehmt besser von uns Abschied,
    denn wir werden Euch nur enttäuschen.
    Eure verbitterte Empörung werden wir
    niemals erreichen.
    Es geht um Freiheit statt Gesinnung
    Ich will denken statt Parolen.

  3. La Chatte
    26. Januar 2009, 11:19 | #3

    Macht ihr bei der Zensur von Kinderpornographie den gleichen Aufstand?

    Ich bin kein Psychologe hatte aber lange Zeit beruflich mit Essgestörten zu tun. Und ich kenne durchaus Geschichten, insbesondere über ProAna-Foren, in denen sich Essgestörte vom Rest der Welt abschotten und in aller Ruhe ihre Krankheit kultivieren können. Dort entziehen sie sich dem Anreiz, etwas an der Krankheit zu ändern, den dort sieht man die Krankheit etwas wünschenswertes. Es ist allgemein bekannt, das Magersucht tödlich enden kann, insofern finde ich es sehr gut, solche Seiten zu verbieten.

    Die Behauptung, dass doch die Probleme ganz woanders liegen ist und eine Website überhaupt nicht verantwortlich sein kann ist schlicht Phrasendrescherei. Wir sind alle von unserer Umwelt beeinflusst. Und das Internet gehört nunmal für viele Menschen zu dieser Umwelt dazu. Ist eigentlich ganz einfach.
    Mag sein, dass eine ProAna-Seite niemanden auf die Idee bringt, sich vor die Kloschüssel zu knien, der nicht sowieso schon Probleme mit seinem Körper hat. Aber viele Mädchen und Frauen sind mit ihrem Körper unzufrieden und demzufolge empfänglich für radikale Diät-Tipps. Manche brauchen nur einen kleinen Schubs in Richtung Magersucht, und ehe sie wissen was los ist, sind sie schon mittendrin.

    • unkreativ
      26. Januar 2009, 12:34 | #4

      *seufz*
      1) KiPo ist verboten und wird sanktioniert. Hättest Du meine Texte gelesen, wüsstest Du, dass genau das mein Hauptargument ist: Magersucht ist nicht verboten. Diese dauerenden Vergleiche mit Totschlag-Argumenten sind der Diskussion nicht förderlich.
      2) Du findest das Verbot hier gut. Wo noch? Wo ist die Grenze, wer legt sie fest?
      3) Triggern die Texte auf SPON weniger? Hier sei nochmal auf den Kommentar von Abraxa hingewisen…

  4. 26. Juni 2009, 02:44 | #5

    Zensur wird sich niemals durchsetzen können. Weil Zensur ein großes Problem hat: Zensur macht interessant!

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