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Von der Verantwortung, im Netz zu leben

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Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie lange ich schon im Netz unterwegs bin – ich kann es nur ungefähr beziffern. Etwas genauer kann ich es bei Computern sagen, denn mein erster “PC” war ein Schneider CPC 464 mit eingebautem Streamer Bandlaufwerk Kassettenrekorder. Und dem obligatorischen Grün-Monitor. Das muss so um 1987 gewesen sein und ich war demnach 10 Jahre alt. Oder anders ausgedrückt: Ich bin seit über 20 Jahren mit Computern beschäftigt – fuck I’m getting old.

Natürlich kam irgendwann ein Diskettenlaufwerk für 3-Zoll-Disketten dazu. Wohlgemerkt nicht 3″, nicht 3,5″ und auch nicht 5 1/4″. Ein 9-Nadel-Drucker rundete das Bild dann ab. Und ich war vom ersten Moment an fasziniert von den Möglichkeiten – und den Einschränkungen.

Das besondere an Einschränkungen war, dass man sie umgehen, handhaben mußte. So habe ich zum Beispiel mal ein Programm zu Vokabeln lernen geschrieben und bin mit den abzulegenden Daten schnell an der Grenze des Speichers angekommen – “on the fly” – nachladen war von Kassette kein Thema. Sowas fördert die Kreativität.

Irgendwann dann bin ich bei einem Freund mit dessen Computer in Berührung gekommen. Einem Atari MegaST. Und das war ja schon mal ein Kistchen :-)

Hochauflösender s/w-Monitor, schnell für damalige Verhältnisse und… grafische Betriesbsystemoberfläche GEM… wow, kann man da nur sagen.

Das Besondere war aber, dass er sogar ein Modem hatte. Modem, damit können die meisten Leute gar nix mehr anfangen. Also mit klassischem Modem.

Ich kannte noch Akkustik-Koppler: Ein Gerät, in das man den Telefonhörer eingelegt hat, dann die Nummer per Hand wählte und dann – mit viel Glück – zwei Computer verbinden konnte.

Modem waren da schon ein Stück weiter: Angeschlossen an die Telefonleitung und an den Computer konnten sie schon selber die Nummern wählen und die Handhabung war um deutlich einfacher geworden.

Und damit kam ich mit dem Internet in Berührung. Zuerst BTX, dem Post-eigenen Datennetz. Dort verweilten wir aber nicht lange, weil zu vieles Geld kostete, dass wir damals schlicht nicht hatten – ganz abgesehen von den Telefongebühren und den Nutzungsgebühren die angefallen sind.

Inzwischen war ich im PC-Lager angekommen und besaß einen 386DX mit 40 Mhz, VGA-Grafik und allem, was es an Technik damals zu kaufen gab. Und natürlich hatte ich ein Modem. Aber keine Lust auf den Bezahldienst BTX.

Also umgesehen nach Alternativen und bei Mailboxen gelandet. Und hey, war das eine aufregende Welt! Und was für Menschen man dort kennen lernte… alle begeistert von der Technik und den Möglichkeiten. Und was für Möglichkeiten es gab:

Email. In Sekundenschnelle um den ganzen Globus kommunizieren. Wahnsinn. Und das für Umsonst (sah man von den Telefongebühren und den Mitgliedsbeiträgen in den Mailboxen ab). Und Usenet. Das Usenet ist im Grunde der “Vorläufer” des WWW gewesen, wie das die meisten Leute heute kennen. Textbasiert und Themenorientiert, global ausgerichtet.

Mein Lieblingsprogramm zur damligen Zeit war übrigens Crosspoint.

Aber auch hier war nicht schluss. Die Modem mittlerweile von 2.400 auf 33.600 oder gar 54.000 beschleunigt, wagte ich erste Schritte in das “Internet” wie es die meisten Leute heute wahrnehmen und wurde Kunde bei  Compuserve. So richtig überzeugt war ich damals noch nicht, weil es mir zu sehr (wenn auch nicht wie AOL) als geschlossenes System konzipiert war.

Schon damals war mein Traum, dass man einfach alle Menschen vernetzt. Quasi Kabel von  Haus zu Haus legt und jeder Mensch im Netz erreichbar ist. Ich war sicher – gut ich habe mich geirrt – das Firmen wie T-Online, Compuserve und AOL keine große Zukunft haben, denn ich war Mailboxen gewohnt und die Tatsache, dass jeder Sender und Empfänger zu gleich war.

Ich blieb also bis irgendwann in den 90ern dem WWW fern, bis ich irgendwann anfing, eine eigene Homepage für mich und andere zu basteln. Zeigen werde ich das niemandem, aus heutiger Sicht ist das einfach peinlich. Damals aber war es irgendwie toll.

Und dann gab es einen Zeitpunkt an dem ich merkte, wie mein Leben sich verändert hatte, denn ein Leben ohne Nezt schien mir nicht mehr erstrebenswert. Alle Informationen die ich brauchte, gab es im Netz. Alles was ich wußte, konnte jemand im Netz gebrauchen. Email, Newsgroups, das war eine Welt in der ich mich gut bewegen konnte.

Übrigens von wegen Internet macht einsam: Ich habe im Laufe der Jahre viele Leute im Netz kennengelernt und die meisten von ihnen irgendwann sogar in Echt. Das ist ein Trend, der bis heute anhält und ich  bin der festen Überzeugung, dass gute Freundschaften im Netz schneller entstehen – einfach weil man sich auf die Inhalte der Kommunikation, nicht auf Nebensächlichkeiten wie das Aussehen (*räusper*) konzentriert.

Heute ist das Internet nicht mehr wegzudenken: Wir kaufen ein in ihm, wir informieren uns, wir kommunizieren, ja wir leben mit dem Internet in allen Facetten.

Das schöne daran ist, dass wir alle im Grunde die gleichen Möglichkeiten haben. Es ist nicht wie TV, bei dem wir sehen müssen, was die Programmdirektoren uns zeigen wollen. Es ist nicht wie Radio, dem wir nur zuhören können, ohne mit zu diskutieren.

Wir gestalten unser eigenes Programm, wir diskutieren, wir informieren und wir versammeln uns in Sekundenschnelle in Teams und Gruppen mit gleichen Interessen und Zielen.

Die Industrie hat das Internet lange nicht verstanden. Man dachte, man macht einen Online-Shop (später Second Life) auf und alles wird gut. Das die Erwartungen nicht erfüllt wurden, liegt am Prinzip des sozialen Netzes.

Denn das Internet war von Anfang ein System das davon lebte, dass die Leute nahmen – aber eben auch gaben und das in der Regel ohne Entgelt. Wikipedia ist ein gutes Beispiel dafür. Natürlich braucht man Geld für Server und Co. Auf der anderen Seite aber wird auch das nicht ewig so sein – ich denke hier an Cloud-Computing, wenn jeder Rechner gleichzeitig “Terminal” und Server ist.

Der Kommerz hat es schwer im Netz, weil das Netz anders funktioniert. Ein Beispiel dafür ist das Kopieren.

Der Musikindustrie und anderen ein Dorn im Auge, ist das Kopieren und Vervielfältigen von Daten das Grundprinzip aller Computer, Informationen sind immer Redundant vorhanden. Und hey wenn ich Musik habe und ein Freund möchte mal reinhören – nichts ist leichter als Daten zu kopieren.

Das wird gerne mit Diebstahl gleichgesetzt, was ein unglaublich dämlicher Vergleich ist. Denn hier wird niemandem etwas weg genommen und kopierte Daten sind nicht automatisch Daten, die andernfalls gekauft worden wären. Diese Rechnung geht einfach nicht auf.

Trotzdem weigert sich die Industrie – und hier ist insbesondere die Musik- und Filmbranche zu sehen – sich dem anzupassen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Aber auch andere Medien verstehen nicht, was passiert ist. Nehmen wir Zeitungen: Informationen von gestern, vorsortiert von Redakteuren? Warum um himmels Willen sollte ich sowas kaufen? Das Netz ist nicht nur schneller, ich kann auch beliebige Seiten beleuchten und gerade diese Vielfalt ist es, die das Netz ausmacht. Allerdings auch hier: Wandel verpennt.

Was man statt dessen versucht, ist mit allen Mitteln alte Modell aufrecht zu erhalten. Kultur-Flatrate? Unwort, wir wollen mit der CDU lieber 3-Strikes-Out. Neue Informationssysteme für das Zeitalter nach der Zeitung? Keine Chance, wir wollen die Zeitungen lieber durch den Staat stützen lassen.

Überhaupt, der Staat:

Viele Jahre hat der Staat das Internet gar nicht wahrgenommen. Wir waren Freaks, Spinner, das Netz eine Zeiterscheinung. Dann wurde es zu einem Markt, den man regulieren wollte – und nicht konnte. Das Problem: Das Internet ist der globale Markt, von dem immer alle reden, es schert sich allerdings einen Dreck um Regularien wie “Freihandelsabkommen”.

Schließlich wurde das Internet als das Böse identifiziert. Wahlweise von Menschen, die es nicht verstanden oder von Menschen die begriffen haben, dass das Internt auch die alten Macht- und Organisationsstrukturen aufzulösen vermag.

Aktuell erleben wir eine Phase hektischer Panik, in der die Nationen versuchen das Internet so weit in den Griff zu bekommen, dass Geschfäftsmodelle gesichert und Machtansprüche erhalten werden können. Ich prophezeihe, dass das nicht funktionieren wird. Das Internet begreift zu starke Regulation oder gar Zensur als Störung und wird automatisch umleiten – denn so ist es entwickelt.

Das aber bringt mich zu der Verantwortung, die wir Netzbürger haben. Und von der ich selber viel zu spät begriffen habe, dass ich ihr nicht ausreichend nachgekommen bin.

Denn es ist an uns, die Menschen die das Internet noch immer nicht begreifen, heran zu führen. Ihnen die Angst zu nehmen und ihnen klar zu machen, dass wir mit Hilfe eines globalen Informatiossystems an der Schwelle zu einer komplett neuen Gesellschaft – der echten Wissensgesellschaft stehen.

Das wir umdenken müssen, weil wir vor einem Paradigmenwechsel stehen:

  • Muss ich immer mehr auswendig lernen oder ist es nicht sinnvoller zu lernen, Informationen zu suchen, finden, verarbeiten und zu nutzen?
  • Wieso zur Arbeit gehen, wenn das Internet die Arbeit nach Hause bringen kann?
  • Wieso Zeitungen lesen, wenn ich selber bestimmen kann, welche Informationen ich sehen möchte?
  • Wieso nur passiv konsumieren, wenn es da draußen Menschen gibt, denen ich etwas mitteilen kann?

Früher haben wir immer gefragt, was wir als Einzelpersonen denn schon erreichen können. Heute wissen wir: Eine Menge und noch mehr in der Summe.

So erreicht dieser Blog zum Beispiel zwischen 100 und 300 regelmäßige Stammleser. Die meisten davon lesen jedoch nicht nur hier, sondern schreiben selber Blogs oder zumindest eMails. Daneben kommunizieren wir über Instant-Messanger, Twitter und zig andere Medien. Die gesamte Welt ist im Umbruch und am Ende steht die Information. Tausend fach kopiert, manipuliert, konsumiert, kommuniziert.

Und gerade mit Blick auf die Politiker, die in ihrer Blase lebend nicht mitbekommen haben, dass dieser Wandel zu einer globalen Gemeinschaft informationstechnischer Individuen schon so weit fortgeschritten ist, dass sie es gar nicht mehr aufhalten können bitte ich Euch:

Verteilt Euer Wissen. Macht den Menschen klar, welche Möglichkeiten das Nezt bietet. Zeigt ihnen auch die Gefahren, vermittelt Medienkompetenz, die heute das A und O ist. Auch und besonders an die, die im Moment zeigen, dass sie überhaupt keine Ahnung haben, über was sie reden: unsere Regierung.

Das Netz ist der nächste große Umbruch nach dem Buchdruck und wir sind noch lange nicht am Ende der Entwicklung. Weiter oben habe ich es schon agendeutet:

Heute ist es noch so, dass Dienste zentral auf Servern liegen, die angesprochen werden. Auch das wird keinen Bestand haben, denn in absehbarer Zeit werden alle Computer und Geräte die im Netz sind zu gleichen Teilen Server und Client sein. Die ersten Anzeichen findet man schon heute (Peer2Peer-Netze, z. B.) und alle Daten werden redundant auf den Rechnern verteilt sein. Mash-Ups werden kommen und das semantische Netz wird uns erwarten. Cloud-Computing wird sich dahin gehend erweitern.

Und dahinter, das ist das faszinierende, steht eben nicht primär der finanzielle Aspekt des Gewinns. Für die heutigen ISP ist das natürlich wichtig, ebenso für die Anbieter wie Google und Co. Wir werden aber erleben, dass sich all das weiter verschiebt und so wie es heute schon so ist, dass die Bereitschaft für bestimmte Dinge zu zahlen sinkt – wie für Zeitungen, werden andere Werte wachsen.

Wir sollten langsam anfangen uns zu fragen, wie die Gesellschaft in Zukunft aussehen wird. Und ich finde das einen unglaublich spannenden Prozess. Weil zum ersten Mal jeder Mensch im Netz die Möglichkeit hat, die Zukunft mit zu gestalten.

Und deswegen meine Bitte an Euch, auch die Verantwortung zu übernehmen, die damit einhergeht. In alle Richtungen, also so wohl zur Eindämmung von negativen Entwicklungen wie Kirminaltität – aber auch eben zur Verhinderung von Eingriffen in die Netzneutraltität oder gar der Einführung von Zensur.

Es ist unser Netz.

  1. 24. Juni 2009, 08:53 | #1

    Respekt! Danke für dieses subjektive, wie auch objektive Meinungsbild. Meine Gehversuche sind erst kurz nach der Wende entstanden, aber seitdem unaufhaltsam weiterentwickelt worden. Beginnend mit dem C64 und kurz danach zum PC. Mit Windows 95 startete ich mitunter meine ersten Interneterfahrungen im WWW (AOL) und den damit verbundenen Kosten, was mich aber nicht abschreckte dieses Medium aufzusaugen.
    Auch bei mir ist es heute ein integraler Bestandteil und deine Erfahrungen kann ich nur auch in Bezug auf meine Person nur bestätigen.
    Es ist unser Netz, weil “wir” alle gemeinsam es formen – mit unser aller Engagement!

  2. 24. Juni 2009, 09:08 | #2

    Das ist ein wunderbarer Auftrag an alle Onliner Demokratie mitzugestalten. Auch ich versuche offline den “Unwissenden” das Internet und dessen immensen Möglichkeiten zu vermitteln.
    Unsere Gesellschaft ist im Umbruch und es ist spannend mit anderen die Zukunft zu gestalten.

  3. 24. Juni 2009, 10:12 | #3

    Gut geschriebener Text. Ich selbst erblickte das Netz allerdings erst gegen Ende der 90er mit 10-11 Jahren und kennen Mailboxen und Akustikkoppler nur vom Lesen, aber es war auch mit Modem noch faszinierend zu “surfen” :)

  4. 24. Juni 2009, 10:40 | #4

    @Staatsfeind
    Wenn das mit der Einmischung ins Netz so weiter geht, werden wir eh ein Wiederauferstehen der Mailboxen erleben ;-) Darknet und so. Außerdem hoffe ich ja immer noch, dass mit IPv6 meine Vision wahr wird ;-) Daheim arbeiten wir schon fleissig dran, indem verschiedene WLan so geschaltet sind, dass wir eine große “Netzzelle” geschaffen haben :-D

  5. aga80
    24. Juni 2009, 19:45 | #5

    Danke , das ist eine wirklich schöne Zusammenfassung .
    Meine ersten Schritte im Netz waren vom Uni-Rechenzentrum aus , ca 99 und mit eigenem Rechner im Sommer 2001 .
    Mailboxen kenne ich nicht mehr , aber das Usenet … mit einigen Licht und Schattenseiten … .

  1. 24. Juni 2009, 15:48 | #1