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Diese verfluchte Gratiskultur aber auch…

16. Oktober 2009
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Erinnert sich noch jemand an die erste euphorische Ebook-Welle, die über die Buchmesse schwappte? So um 2000 muss das gewesen sein als plötzlich alle diese neuen tollen Reader entwickelt haben, die ganz problemlos das Lesen des digitalen Buches ermöglichen sollten. Da bekanntlich nichts Neues unter der Sonne existiert ist auch dieses Jahr mal wieder das Ebook DAS kommende Ding auf der Buchmesse. Echt. Ich schwör. Weil: Das klappt ja alles so problemlos…Jetzt also ist das Ebook wieder im Gespräch und schon gibts natürlich wieder die altbekannten Ängste, die es schon damals gab – halt nur frisch aufgewärmt. Bekanntlich ist Google ja eh böse – ob nun bei Books oder bei News, was fällt denen auch ein Geld mit Inhalten zu verdienen, die andere generieren? Würde Buchverlegern ja nie einfallen, die schreiben alle Bücher selbst, jawollja – und diese Gratiskultur im Internet, die muss man einfach mal in den Griff kriegen. Besonders schlimm soll sie ja bei Jugendlichen und Kindern sein. Hört man so. Im Buchreport kann man das auch lesen. Also zumindest die Meinung eines gewissen Björn Frommer. Rechtsanwalt.

Gratiskultur, so erfährt man aus dem Interview, habe heute ja eine total andere Qualität – weil Jugendliche und Kinder ja nichts anderes mehr gewöhnt seien als die Inhalte für lau aus dem Netz zu ziehen. Aber, so wendet man ein, das habe man doch früher auch gemacht: Stücke aus dem Radio auf Kassette aufgenommen, Tapes getauscht und so. Sofern die heutigen CDs nicht kopiergeschützt sind darf man übrigens immer noch “Tapes” rumreichen. Das hat sich nun nicht geändert. Ebenso wie einige andere Dinge ebenfalls nicht. Folgt man aber der Meinung Frommers, so ist das alles heute total anders. Weil: Jugendliche und Kinder ja heute dieser Gratiskultur frönen würden.

Wenn Studenten Ebooks haben, nutzen sie die auch?

Das mit der Gratiskultur sieht nun Kai Biermann von der ZEIT Online etwas anders. Die Gratiskultur im Internet sei ein Mythos, weil wir ja mit unseren Daten bezahlen würden. (Sehen wir mal davon ab, dass der Zugang zum Internet auch immer noch etwas kostet.) Und dass man selbst mit “geschenkten” Inhalten durchaus Gewinne machen kann, das hat Chris Anderson vor kurzem in seinem Buch “Free” festgestellt. Das ist der mit dem “Long Tail”, man erinnert sich vielleicht. Ja, Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit im Netz. Früher hätten sie vermutlich mehr ferngesehen, noch mehr Schallplatten mit Freunden gehört – und diese dann natürlich raubgepresst.

Wenn man sich weiterhin in das Interview beim Buchreport vertieft, dann fragt man sich was man falsch macht. Angeblich sollen ja ganze wissenschaftliche Bücher illegal im Internet kursieren. Denn, so Frommer: “Als Student braucht er keine Bücher mehr zu kaufen, weil nahezu die gesamte Fachliteratur schon im Internet in Bestqualität verfügbar ist.” Merkwürdig. Volker Schallehn stellt in einem Fachartikel über vier Jahre Erfahrung mit Ebooks an der Ludwig-Maximilians-Universität München nämlich was ganz anderes fest: “Diese Zahl der 8,3 % E-Book-Nutzer ist noch ein gutes Stück davon entfernt, annehmen zu können, dass E-Books ganz selbstverständlich innerhalb der Studentenschaft bekannt sind und auch genutzt werden.” Merkwürdig. Studenten sollten ja ganz einfach im Netz kostenlos ihre Literatur finden und dann sollten Ebooks auch bekannter sein. Interessant auch die Umfrage, die ebenfalls der Münchener Uni durchgeführt wurde – für ganz Bayern: “Es entspricht den Erwartungen, dass Lehrbücher lieber als gedrucktes Buch als in Form des E-Books verwendet werden.” So, so. Also Studenten bräuchten Bücher gar nicht mehr zu kaufen, nutzen aber dennoch das gedruckte Buch lieber als das Ebook? Wie das? Wenn Studenten doch gar keine Bücher mehr kaufen müssen weil alles kostenlos im Netz liegt? Hmmm. Die nutzen dann aber dennoch lieber gedruckte Bücher? Na ja, heißt ja nicht, dass die die kaufen – es gibt – Schock! – Bibliotheken.

Hochstilisieren einer Feindkultur – leider mit falschem Beispiel

Es ist ja nicht zu bestreiten, dass es die sogennanten Ebookz im Netz gibt. Angesichts der Energie von den bösen Raupkopieren kann es natürlich auch sein, dass mal eben 1000 Seiten eingescannt, Korrektur gelesen und dann als PDF online gestellt werden. (Ich stelle mir das gerade mit Loseblattsammlungen vor. Was’n Spaß.) Mit Harry Potter hat das ja regelmäßig geklappt wie man so hört. Vermutlich gibt es auch ganz Findige, die den DRM-Schutz – da hat die Verlagsszene überhaupt nichts von der Musikindustrie gelernt – geknackt haben. Ja, diese Leute gibt es. Ebenso wie es Jugendliche gibt, die Drogen nehmen, Leute zusammenschlagen und den Kiosk um die Ecke überfallen. Man kann natürlich alles und jedes zu einer “Kultur” hochstilisieren und davor mit ernster Miene warnen. Natürlich besorgt sich der Schüler die Infos aus der Wikipedia oder aus Hausarbeitenarchiven – weil er noch nicht gelernt hat, dass die Wikipedia zuverlässig sein kann, aber eben nur kann. Denn auch die Wikipedia irrt. Na ja, der Duden auch und überhaupt: Es irrt der Mensch solang er strebt, sagte schon Goethe. Sicherlich ist die Wikipedia ein Beispiel für die “Gratiskultur”. Aber wie schon erwähnt, auch die Wikipedia irrt. Und ausgerechnet die Bemühungen einer Community zu verteufeln, die nach einigermaßen gesicherten Kriterien beim Schreiben vorgeht ist schon etwas seltsam. Denn für die Erstellung der Gratisinhalte in der Wikipedia hat nochmal wer wen bezahlt? Ah ja.

Aber zurück zum eigentlichen Thema, man verzeihe den kleinen Schwenker: Die Gratiskultur ist also das Böse, das den Jugendlichen und Kindern ausexorziert werden muss. Genau. Die Gratiskultur ist auch am Untergang des iPhones schuld weil natürlich kein Mensch die ganzen Apps kauft, die man überhaupt nicht braucht. Beispielsweise zum Lesen von Ebooks. Oder Ebooks an sich. Oder so Zeug wie Navigationssoftware, Astronomiesoftware, Wettersoftware, Applikationen für bestimmte Zeitungen, Clients für Twitter – schon klar, die Gratiskultur und die Gratismentalität – denn die meint Herr Frommers wohl eigentlich – hat das iPhone ja übelst getroffen. Und Android erst, schockierend. Nicht wahr? Alles gescheiterte Geschäftsmodelle. Erschröcklich.

Wenn Barrieren im Weg sind, wählt man den Weg des geringeren Widerstandes

” (…) als Erwachsener wird er dann für bestimmte Produkte nichts mehr bezahlen wollen,” prophezeit Frommers. Ja. Wird er auch nicht. Denn wie im freien Spiel der Kräfte – diese unsichtbare Hand soll ja alles so toll regeln – ist der Konsument auf der besseren Seite, er bestimmt Angebot und Nachfrage. Das Problem ist natürlich: Wenn es auf der einen Seite Gratisinhalte gibt, die ich runterladen und sofort lesen kann – auf der anderen Seite dann Bezahlinhalte, für die ich mich an drei verschiedenen Orten registrieren muss, erst dann die Software runterladen muss, dann das eigentlich Buch und dann nochmal den Computer für die Software aktivieren muss – nun… Kinder und Jugendliche mögen einen gewissen Hang zur Gratiskultur, die keineswegs gratis ist, haben – habe ich nicht gerade was von Registrierungen geschrieben, pardon, war das Bezahlmodell – andererseits könnte aus der Vergangenheit gelernt werden.

Dieser Tage kam übrigens eine Meldung vom BITKOM-Verband. Ja, ja, ich weiß, wie alles was irgendwie nach Lobby riecht mit Vorsicht zu genießen. Diese Meldung gibt Herrn Frommers zumindest in einem Recht: Man sollte vielleicht mal genauer hinschauen warum Jugendliche nichts zahlen möchten. Oder anders gesagt: Wofür sie bezahlen. (Vermutlich für Applikationen wie diejenigen, für die auf VIVA spätabends geworben wird… Vermute ich mal.) Doch schaut man genauer hin, dass stellt man fest, dass die BITKOM auch gefragt hat WOFUER man denn Geld im Internet ausgeben würde. Oder wofür Geld ausgegeben wird im Internet. (Dass sich der Verband natürlich wie bolle darüber freut, dass man ja so gerne Geld für Waren im Internet ausgibt ist klar.) Was stellt der BITKOM also fest?
“Ebenfalls überdurchschnittlich aufgeschlossen sind die 18- bis 29-Jährigen. Fast jeder Fünfte (19 Prozent) dieser Altersgruppe würde für journalistisch aufbereitete Artikel im Internet zahlen. Berg: „Für viele Unter-30-Jährige ist das Zahlen von Kleinbeträgen im Internet absolut normal. Sie laden sich schon jetzt kostenpflichtige Musik oder Zusatzprogramme für Mobiltelefon, MP3-Player oder PC herunter.”

Was nicht passt, wird halt passend gemacht

Ich mag mich ja irren, aber irgendwie geht da doch was nicht zusammen: Auf der einen Seite beklagt die Verlagsbranche, dass Kinder und Jugendliche in dieser ominösen Gratiskultur ja nichts zahlen wollen – auf der anderen Seite tun aber zumindest junge Erwachsene genau das: Sie bezahlen. Nämlich für – wir hatten das schon mal weiter oben – genau – Zusatzprogramme für Mobiltelefone. Und auch für kostenpflichtige Musik. Oder überhaupt Progamme für den PC, die sie als nützlich empfinden. Hmmm…
Schön, die Umfrage bezog sich jetzt auf den Qualitätsjournalismus und hat die Kinder und Jugendlichen offenbar nicht direkt als Gruppe miteinbezogen. Gut. Mag auch sein dass bisher noch niemand die Kids mal gefragt hat, wofür sie denn Geld ausgeben würden – denn man findet zwar allerhand Studien über den Wandel des Medienverhaltens bei Kindern und Jugendlichen, aber irgendwie wenig bis gar nichts darüber ob man die mal gefragt hat. Jedenfalls war ich erfolglos.

Die kühnen Hypthesen, die Herr Frommer wohl dann später am 25. November bei der 9. Kinder- und Jugendmarktkonferenz der Akademie des Deutschen Buchhandels im Vortrag „Digital Genera­tions – Junge Zielgruppen mit Neuen Medien erreichen“ aufstellen wird, werden vermutlich nicht die folgenden sein. Ebooks werden sich dann verkaufen wenn die Industrie sich auf ein einheitliches Format für alle Reader geeinigt hat – PDF scheint sich zur Zeit durchzusetzen, aber es gibt auch noch diverse andere Formate, die nicht alle Reader lesen können. Ebooks werden sich dann verkaufen, wenn der Preis beträchtlich unterhalb des gedruckten Pendants sinkt – denn es ist natürlich nicht einsehbar warum beim Wegfall der Kosten für Druck, Bindung und Papier der Kunde genau denselben oder nur einen minimal kleineren Preis zahlen sollte. (Kein Wunder, dass dann zu Gratisangeboten gegriffen wird…) Ebooks werden sich auch dann erst verkaufen, wenn das Thema DRM von den Verlagen beiseitegelegt worden ist – man hat schon die Musiknutzer damit vergrätzt, man sollte so findig sein hier andere Wege zu finden. Doch anstatt vernünftiger Geschäftsmodelle machen die Verleger – und auch Herr Frommer – genau die Fehler, die die Musikindustrie allmählich hinter sich lässt. Man darf gespannt sein was passiert, wenn iTunes auf einmal PDF-Downloads anbietet. Zuzutrauen wäre denen das allemal. Und dennoch wird es weiterhin Inhalte frei und kostenlos im Netz geben, das wird sich nicht ändern lassen. Die Frage ist nur: Haben die Verlage in Zukunft die interessanteren Angebote, für die man gerne bezahlt? Das Heulen und Zähneklappern – pardon – die Antwort darauf liefert vermutlich die nächste Buchmesse. Man wird sehen.

Das E-Book wird für eine Zeit von sieben Tagen tatsächlich ausge-
liehen. Während dieser Zeit ist eine Ausleihe für andere Benutzer
nicht möglich, es sei denn, es wären Mehrfachexemplare vorhan-
den. Möglich wird dieses Ausleihsystem durch den Einsatz einer
Digital Rights Management-Technologie (DRM), die dafür sorgt,
dass das E-Book nach dem Ende der Leihfrist nicht mehr geöffnet
werden kann, obwohl die PDF-Datei noch auf dem Rechner des
Benutzers vorhanden ist.
  1. 16. Oktober 2009, 15:44 | #1

    ich hab noch nicht alles gelesen, dafür brummt mein Schädel zu sehr, wollte nur schonmal einwerfen, dass ich mindestens 200 Euro pro Semester für Fachliteratur ausgebe. Zum einen weil man dann nicht am Rechner sitzen muss zum lernen, zum anderen weil Bücher in Klausuren erlaubt sind, Rechner aber nicht ;)

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