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Die unsichtbare Kraft

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Ich bin im Moment nicht fit. Überhaupt nicht. Zu lange nicht gelaufen, zu viel Fast Food, zu viele Medikamente. Ich ähnle weniger einem durchtrainierten Mitt-Dreißiger als einem gut aufgegangenen Hefe-Teig. Dazu kommt, dass ich latent unzufrieden bin, weil ich für die Uni unglaublich viel lernen muss und gar nicht der Lern-Typ bin. Nie gewesen bin. Die anstehenden Klausuren nerven mich schon jetzt extrem und ich frage mich ob ich das nicht einfach hinwerfe. Wozu mache ich das eigentlich?

Trotzdem laufe ich wieder. Am Wochenende habe ich angefangen zu trainieren und lief Samstag die 10km-Runde in Intervallen von 2-2. Also 2 Minuten Laufen, 2 Minuten gehen. Das war so gut, dass ich es Sonntag gleich noch mal gemacht habe, in 3-2-Intervallen. Was vermutlich ein Fehler war, denn Montag hatte ich grauenvollen Muskelkater.

Natürlich sind die Zeiten die ich laufe eher peinlich. Aber ich laufe und ich habe bewusst die 10km-Runde zum Wiederanlaufen gewählt, an Stelle der 5km-Runde, um die mein innerer Schweinehund mit mir dealen wollte. Aber ich sitze im Moment so viel herum, ich brauche einfach die große Runde. Glaube ich.

Montag war Laufpause, Dienstag Uni. Also heute Laufen. Und als ich los gelaufen bin dachte ich, ich kann auch 4-2 laufen. Aber meine Güte war das warm. Ein Blick auf das Thermometer an meinem Handgelenk sagt, es sind 32°. Ich glaube es lügt.

Als ich den ersten KM voll habe, den ich immer nutze um abzuschätzen wie lange ich unterwegs sein werde, wird mir klar, dass es ein langsamer Lauf wird. Ein sehr langsamer Lauf. Zwar bin ich noch unter dem dichten Grün des Waldes vor der Sonne geschützt, aber die Luft steht. Und ungewöhnlich früh fange ich an zu schwitzen.

Die Sonne weiß, dass sie sich Zeit lassen kann. Sie weiß, ich werde aus dem Wald hinaus kommen. Am Kraftwerk vorbei den Rhein entlang, über die Uferpromenade und dann durch die Felder. 5km mit nur einem gelegentlich Schatten und Trost versprechenden Baum. Und so ist es auch: als ich aus dem Wald komme, erwischt mich die Sonne mit gnadenloser Brutalität. Ein Blick auf den Chronographen an meinem Handgelenk sagt mir, dass ich jetzt schon an einem Punkt bin, an dem ich besser nicht mehr auf die Uhr gucke – ich bin viel zu langsam. Aber ich glaube, der Chronograph lügt. Vermutlich bleibt er zwischen den Blicken stehen und läuft nur weiter wenn ich hin schaue.

Inzwischen knallt die Sonne mir auf den Kopf und auf den Rücken. Ich bin zwischen den Feldern und der Asphalt der Straße vor mir flimmert in der Hitze. Ich spüre die Wärme durch die Sohle meiner Schuhe und frage mich, ob sie schon schmelzen, am Boden kleben wollen und deswegen jeder Schritt schwerer scheint als der davor? Ob sie einfach Feuer fangen, wenn ich stehen bleibe?

Nach ungefähr 8km bin ich an dem Punkt, an dem ich eigentlich gar nicht weiter will. Kann nicht ein Auto mich übersehen? Nichts ernstes, nur genug um in einem klimatisierten Krankenwagen zu laden? Oder ich könnte stolpern? Hinfallen, mir Hände und Beine aufschürfen, über die Straße rutschen. Und ich würde einfach liegen bleiben, ich könnte nicht mehr aufstehen. Wieso habe ich eigentlich nichts  zu trinken mitgenommen?

Ein Stein in meinem Schuh. Und ich weiß genau, wenn ich jetzt stehen bleibe, mich hin hocke, den Schuh ausziehe… ich bekomme ihn nie wieder an. Ich stehe nie wieder auf. Ich bleibe einfach wo ich bin und zergehe.

Und trotzdem laufe ich weiter. Schritt für Schritt heben sich meine Füße. Der Linke hebt sich, senkt sich vor dem Rechten. Der hebt sich, senkt sich vor dem Linken. Mein Atem ist ruhig und kontrolliert, mein Rücken gerade mein Kopf oben.

Mir wird klar, was das ist. Was diese unsichtbare Kraft ist, die den Rücken stützt. Es ist Stolz. Ich werde jetzt nicht aufgeben. Ich werde jetzt nicht stürzen. Ich werde jetzt nicht mal stehen bleiben. Ich laufe weiter. Schritt um Schritt um Schritt.

Es sind noch 200 Meter durch ein letztes Stück Wald. Dann die ungefähr 500 Meter, die ich für den Endspurt nutze. Und ich renne. So schnell ich kann, ich will nur noch durchkommen. Neben mir ein Fahrrad. Ein älterer Herr hält mit mir mit. Schreit mir mein Tempo zu, ich verstehe ihn leider nicht. Der Schweiß fliegt von mir, noch 100 Meter. Noch 50. Noch 40, 30, 20, 10… ich laufe aus.

Langsam gehe ich nach Hause, setze mich in den Garten und überlege, das Planschbecken meiner Cousine in Beschlag zu nehmen… das wäre dann morgen vom Salzgehalt vermutlich nah am Toten Meer.

Irgendwann gehe ich dann duschen, freue mich über die Zahl auf der Waage und über die angenehme Erschöpfung des Körpers. Ich greife eine eiskalte Dose aus dem Kühlschrank, sie öffnet mit einem willkommenen Zisch. Ich trinke, lege die Beine hoch und denke…

Manchmal ist Stolz nicht verkehrt. Er hilft uns den Kopf oben zu halten. Und egal, ob uns die Meinung anderer wichtig ist oder nicht. Aber manchmal, da müssen wir es uns einfach selbst beweisen…

Und jetzt?

Jetzt lerne ich noch ein wenig. Wer joggen kann, kann auch Klausuren schreiben. Im Grunde ist es sich sogar ähnlich, man muss es nur wollen, man darf nicht aufgeben und auf keinen Fall schaut man zurück. Klar ist dabei sein alles. Aber das eigentliche Ziel ist es doch, das Ziel zu erreichen. Alles andere ist für Loser.

P.S. Und natürlich spielt Anne eine nicht ganz unwesentliche Rolle. So wie ich ihr immer sage, aufgeben zählt nicht und schon gar nicht wegen einer Klausur, ist jetzt sie die, die mir sagt ich soll nicht aufgeben. Und wie stünde ich da? ;-)

  1. hannah
    30. Juni 2010, 23:19 | #1

    *daumen hoch*

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