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Artikel Tagged ‘Christina Schröder’

Wahrheit ist relativ

27. November 2010 Kommentare ausgeschaltet
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Was haben all die rechten Hetzer frohlockt!

Was haben sich die rechten Spinner gefreut!

Angeblich, so konnte man in den rechtslastigen Blogs lesen, habe Familienministerin Christina Schröder herausfinden lassen, dass es mit muslimischen Jugendlichen ein Gewaltproblem gebe. Eine Ministerin einer konservativen Partei! Das konnte man sich nicht entgehen lassen – und schon waren all die aktiv, die sich selbst gern für klüger halten, als sie es sind.

Nur schade, dass es nicht so ist. Bzw. nicht so wie dargestellt und schon gar nicht wie von unseren fremdenfeindlichen Mitbürgern nur all zu willfährig interpretiert. Denn hätte man sich etwas Zeit bei der Analyse gelassen und mehr Quellen als das ehemalige Nachrichtenmagazin hinzugezogen, so wäre schnell deutlich geworden: Es ist erstens anders und zweitens als man denkt.

So kann man jüngst gar auf der Website des ZDF, sicherlich alles andere als CDU-fern, lesen:

Die Bundesfamilienministerin beklagt, dass muslimische Jugendliche deutlich gewaltbereiter als andere seien. Dies sei das Ergebnis von zwei neuen Studien. Diese Gewaltbereitschaft habe auch kulturelle Wurzeln. [...]

Bei der Präsentation der Studien ein paar Stunden später in Berlin klang es dann schon ein wenig anders, was zu nicht geringer Verwirrung der anwesenden Journalisten führte. Denn die Studien, und vor allem ihre Autoren und Autorinnen, sind zu ganz anderen Schlüssen gekommen.

Für den Zusammenhang von Islam und Gewaltbereitschaft gebe es keine “belastbaren Zahlen”, meint einer der Wissenschaftler.  Ursache für erhöhte Gewaltbereitschaft seien meist mangelnde Bildung, Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und “gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen”. Dies trifft aber auf muslimische wie nichtmuslimische Jugendliche zu. Bei russischen Zuwanderern sei die Gewaltbereitschaft wesentlich höher als bei muslimischen, auch dieses Ergebnis einer der vorgelegten Studien widerspricht der These, der Islam führe mit direkter Konsequenz zum gewalttätigen Machokult.

Das bedeutet nicht, dass wir kein Problem haben. Es bedeutet nur – wie so oft – dass ein gesellschaftliches Problem vielschichtiger ist, als es sein dürfte um auf eine einfache Formel wie “Muslimisch = Macho” reduziert zu werden.

Allerdings lehrt uns die Rezeption und Kommunikation des vermeintlich offensichtlichen einiges über unsere Gesellschaft. Wenn wir nur – ausnahmsweise! – mal genau hin sehen.