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Kategorie: Gesellschaft & Wirtschaft

Kundenservice richtig gemacht: Deuter Sport GmbH

Kundenservice richtig gemacht: Deuter Sport GmbH

Ich habe eine ganze Reihe von Rucksäcken, fürs Fahrrad, zum Klettern, zum Reisen und die meisten davon sind tatsächlich von Deuter Sport. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass ich schon vor gefühlt 100 Jahren einen Rucksack gekauft habe, der praktisch nicht kaputt zu kriegen war. Und mich 365 Tage im Jahr begleitet hat.

Jetzt hatte ich an einem Rucksack ein Problem: Einer der Schnellverschlüsse ist gebrochen – keine Ahnung wie (*draufgetreten hust*).

Das war ärgerlich. Aber Deuter ist ja irgendwie eine Firma die ich gut in Erinnerung habe, also dachte ich: google mal. Und was soll ich sagen?

 

EIne Rucksackschnalle

Online bestellt, 2 Tage später war das Paket da und die neue Schnalle lag in meiner Hand. Und jetzt ratet mal, was die gekostet hat?

Zwei fuffzig.

Nein ernsthaft. 2 Euro 50. Für eine Schnalle für einen Rucksack den ich vor fast 10 Jahren gekauft habe. Na gut, plus Porto. Aber hey, ich war trotzdem angetan – weil das heute nicht selbstverständlich ist, auch wenn es selbstverständlich sein sollte. Für mich aber auch ein klares Zeichen, dass ich mit den Rucksäcken einen guten Kauf gemacht habe – mal abgesehen davon, dass die beim Tragen und Nutzen ohnehin 100% meiner Erwartungen erfüllen.

 

Nein, ich bin nicht mit Deuter in irgendeiner Weise verbunden, bekomme kein Geld, habe meine Bestellung brav bezahlt und mache keine Werbung. Ich erzähle Euch nur von meinen privaten Erfahrungen. Nur falls da jemand auf komische Gedanken kommt.

Mein und Dein und Unser

Mein und Dein und Unser

Eines der Dinge, die mich an unserer aktuellen Wirtschaft faszinieren ist, wie leichtfertig die Menschen heute bereit sind für ein Produkt zu bezahlen und es trotzdem nicht zu besitzen. Das wird häufig als „Abo-Modell“ getarnt, wenn z. B. Software nicht mehr gekauft, sondern nur noch gemietet wird. Die Hersteller versprechen, dass man so immer die optimale Software habe, immer alle Updates bekomme.

Was sie nicht sagen: Man ist ihnen ausgeliefert, denn wenn man mit den Konditionen irgendwann nicht mehr einverstanden ist, hängt man am Fliegenfänger. Zahlt man nicht mehr regelmäßig, kann man die Software auch nicht mehr nutzen. Für die Hersteller ein Win-Win: Sie erhalten regelmäßige Cashflows und haben zudem die Kontrolle über die Verwendung der Software.

Aber das ist ja nicht der einzige Punkt. Musik zum Beispiel wird heute fast nur noch gestreamt und online erworben. Zumeist in proprietären Formaten, die bedingen, dass der Musicplayer sich gelegentlich bei einem Lizenzserver versichert, ob man diese Musik überhaupt noch hören darf. Denn gekauft hat man sie im eigentlichen Sinne nicht, man mietet sie vielmehr. Was passiert, wenn auch große Firmen keinen Bock mehr haben, sah man sehr schön bei Microsoft: Das einst als Alternative zum iTunes-Store gehypte Zune wurde dicht gemacht, die Nutzer verloren ihre Musik.

Und was bei Musik möglich ist, die nicht mehr als CD im Regal steht oder wenigstens DRM-freies MP3 auf der Festplatte liegt, geht natürlich auch bei eBooks. Unvergessen der Fall, als Amazon einfach mal gekaufte eBooks von den Readern seiner Kund*innen fernlöschte. Und das ausgerechnet bei den dystopischen Romanen „1984“ und „Animal Farm“.

Und auch im Smart Home kaufen die meisten Leute kaum Geräte, die sicher nur im eigenen Haus laufen. Vielmehr brauchen praktisch alle großen Systeme eine Interntverbindung und nutzen unnötiger und unsicherer Weise „Cloud-Services“. Und auch hier gilt: Hat der Hersteller keinen Bock mehr, hat der Kunde verloren.

Es ist ja nicht so, als erhielten wir als Kund*innen Vorteile dadurch. Oder günstigere Preise. Nein. Wir geben ausschließlich die Kontrolle aus der Hand, binden uns langfristig an Firmen mit undurchsichtigen Verträgen und akzeptieren stillschweigend, dass die Dinge, die wir vermeintlich kaufen, gar nicht in unseren Besitz übergehen. Sondern wir nur das temporäre Recht zur Nutzung erwerben.

Und irgendwie… so richtig scheint das niemanden zu stören, oder?

 

Wenn einer eine Reise reist…

Wenn einer eine Reise reist…

Vor ein paar Tagen hatte ich mich, auf meine bekannt zurückhaltende Art, über das Fliegen geärgert.

Natürlich konnte und wollte ich es nicht darauf beruhen lassen und bin – was ich vielleicht von Anfang an hätte machen sollen – in ein Reisebüro spaziert. Konkret in das Reisebüro Ankerplatz hier in Voerde, dessen größter Vorteil ist, neben der favorisierten Buchhandlung Lesezeit zu liegen 🙂 Natürlich hatte ich per Mail vorgewarnt, was ich brauche (Flug nach Spitzbergen) und was ich nicht brauche (Wien oder München auf der Route und 17h Reisezeit).

Und tatsächlich konnte Julia Vowinkel-Hochstay, die das Büro leitet, mir ausgesprochen gut helfen. Sie hat mir einen Flug direkt nach Oslo und von dort direkt nach Spitzbergen buchen können und auch gleich ein passendes Hotel gefunden. Und was soll ich sagen: ich fliege um 7 Uhr los und bin noch vor 13 Uhr am Zielort. Also keine 6 Stunden.

Das sie den Flug gefunden hat, finde ich phänomenal. Das zeigt aber auch, wie wichtig solche Dienstleister nach wie vor sind. Denn über das Internet buchen ist schön und gut, dort wird aber vor allem das Massengeschäft bedient und die „ökonomische Priorität“ berücksichtigt. Die halt nicht zwingend im Sinne der Reisenden ist. Und in meinem Fall, als jemand der nicht wirklich sagen kann, dass er die Tricks und Kniffe des Reisegeschäfts kennt, wäre es mir praktisch unmöglich, selber diesen Flug so zu finden und zu buchen.

Was mir jetzt natürlich aufstößt: Mein „kurzer“ Flug – sowohl in Zeit und Strecke – ist natürlich teurer, als wenn ich eine Runde über Wien oder München drehen würde. Das bedeutet, dass die eigentlichen Kosten, wie die Umweltfolgekosten, nach wie vor nicht eingepreist sind. Weswegen es sich für die Fluggesellschaften weiter lohnt, so auf den ersten Blick unsinnige Flüge über die großen Hubs anzubieten. Will man dagegen möglichst wenig fliegen, wird es teurer. Statt billiger, weil eigentlich derjenige, der Luftkilometer vermeidet, besser gestellt sein sollte als der, der Umwege fliegt. Aber Ökonomie und Ökologie passen halt noch lange nicht überall zusammen.

Anyway: Reisebüro Ankerplatz, 5 von 5 Sternen.

Von Renten, Aktien und Angst

Von Renten, Aktien und Angst

Die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP berät gerade auch eine große Reform des Rentensystems. Das wir das anpacken müssen, ist vermutlich unstrittig. Was mich irritiert ist, dass immer sofort Angst ins Spiel kommt. Das geht alles nicht, davon profitieren die Falschen und so weiter.

Vor ungefähr einem Jahr hatte ich dazu schon mal was gepostet. Dabei ging es mir vor allem darum, dass es wenig gangbare Alternativen gibt. Und die, die es gibt, macht der Staat unattraktiv:

Warum also fordert der Staat auf der einen Seite, dass wir privat vorsorgen, erlaubt auf der anderen Seite aber nur 6,65 VL vom Arbeitgeber und maximal 801€ an Erträgen, bevor das Finanzamt wieder zuschlägt?

Das ist für mich nicht logisch.

Natürlich rufen die üblichen Verdächtigen sofort wieder, wie schlimm das alles ist. Selbst erfolgreiche Modelle wie der Staatsfond in Norwegen sehen sich konstanter Kritik ausgesetzt. Dabei liegen die Fakten eigentlich auf der Hand:

  1. Wir müssen weg von einem System, das Lohn als Ausgleich für körperliche Arbeit versteht und hin zu einem System, in dem die Menschen am Gewinn und der Produktivitätssteigerung (ihrer) Unternehmen profitieren können.
  2. Wir müssen weg von einem Steuersystem, das private Vorsorge bestraft und ausschließlich staatliche Lösungen vorzieht, an denen einige wenige sich dumm und dämlich verdienen, während der große Teil leer ausgeht.
  3. Wir können Unternehmen die Chance eröffnen, über steuerbegünstigte Altersvorsorgen Wettbewerbsvorteile im War on Talent zu erhalten.

 

Was auf den ersten Blick vielleicht wie der Traum der FDP aussieht, ist auf den zweiten Blick einer ganz simplen Tatsache geschuldet: Dank sinkender Zahlen jungen Erwerbstätigen und steigender Zahlen von Rentenbezieher*innen, ist das bisherige Rentenmodell nicht mehr tragfähig. Die bisherigen Ansätze kaschieren das Problem, lösen es aber nicht.

Tatsächlich glaube ich nicht, dass wir um ein System herum kommen, dass wirtschaftlich arbeitet. Und dazu gehört auch, dass das Rentensystem selbst in der Lage sein muss, Überschüsse zu erwirtschaften, die dann reinvestiert werden können. Das Rentensystem muss in der Lage sein, Wirtschaftserfolg der Unternehmen, deren Mitarbeiter es absichert, zu partizipieren.

In sofern würde es mich wahnsinnig freuen, wenn wir die neue Regierungsperiode nutzen würden, um wirklich mal eine echte Rentenreform anzustreben. Die sowohl eine sichere und auskömmliche Grundrente im Kern haben muss, wie auch die Möglichkeit der privaten und vor allem ernst zu nehmenden eigenen Vorsorge für das Alter.

Denn machen wir uns nichts vor: Das bisherige System wird den zukünftigen Anforderungen nicht Stand halten. Ein Umbau des Rentensystems wird aber, wenn man es richtig angeht, Jahre dauern. Vermutlich deutlich mehr als eine Legislaturperiode.

In sofern wünsche ich mir, dass Kritiker und Befürworter ein gemeinsames Gesprächsniveau finden. Denn unstrittig ist doch, dass wir etwas machen müssen. Und die Frage was wir machen wollen, kann man doch am Besten in einem gesellschaftlichen Konsens beantworten. Oder?

Das Zerbrechliche Paradies

Das Zerbrechliche Paradies

Ich hatte am Wochenende das Vergnügen, in Oberhausen die Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“ im Gasometer zu besuchen. Dabei handelt es sich um die erste Ausstellung nach der Sanierung der Landmarke und ich war gespannt, wie es sein würde.

Die gute Nachricht ist, dass die Renovierung so durchgeführt wurde, dass man sie als Besucher*in kaum bemerkt. Im Gegenteil, den meisten dürfte nicht einmal auffallen, was sich alles geändert hat.

Im Wesentlichen wurde die innere Struktur beibehalten und modernisiert. Das bedeutet aber auch, dass sich die hauptsächlichen Kritikpunkte nicht geändert haben – die man aber mitkauft, wenn man ins Gasometer geht:

Es ist alles andere als warm. Dafür aber zugig. Und natürlich gibt es im Inneren immer noch keinen Handy-Empfang 😉

Aber wir sind ja auch nicht da, um zu telefonieren. Sondern um Kultur zu erleben. Und hier setzt die Ausstellung nahtlos fort, was zum Beispiel die Ausstellung „Der Berg ruft“ vorher boten:

Eine wunderschöne Ausstellung „wunderschöner“ Bilder.

Die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser wird jetzt vermutlich angesichts der Gänsefüßchen ein bisschen irritiert sein. Aber lasst mich das erklären.

Ausgestellte Fotos im Gasometer in der Ausstellung "Das zerbrechliche Paradies"
Ausgestellte Fotos im Gasometer in der Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“

Die Ausstellung ist wie immer absolut fantastisch. Der sehr sparsame Einsatz von Lichteffekten, die sehr großen und  fantastisch gemachten Fotos ziehen die Besucher*innen sofort in ihren Bann. Durch die schiere Größe des Gasometer und die große Anzahl von Fotografien, unterbrochen von gut platzierten Multi-Media-Installationen, verteilen sich die Besucherströme auch sehr gut.

Das „Problem“ ist der Aufbau der Ausstellung. Wie üblich erstreckt sie sich über 2 Etagen mit einem „Centerpiece“ in der dritten Etage. Letzteres ist auch eine extrem gelungene Darstellung der Erde im Wandel der Zeit und mit den Spuren, die wir Menschen zu Lande, Wasser und in der Luft hinterlassen. Die Fotos im ersten Stock, die hier auf den Bildern zu sehen sind, setzen den Ton: Wunderschöne Landschaften, wunderschöne Bilder.

Menschen in der Ausstellung "Das zerbrechliche Paradies" vor den ausgestellten Bildern
Menschen in der Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“ vor den ausgestellten Bildern

 

Die zweite Etage dagegen zeigt die Zerbrechlichkeit. Und das auf eine extrem gelungene Art und Weise. Die Bilder dort haben überhaupt nichts mehr von der Leichtigkeit der gezeigten Exponate eine Ebene tiefer. Dafür gehen sie voll ins Herz und machen deutlich, wie illusorisch die Vorstellung ist, wir hätten keinen Einfluss das Weltgeschehen. Und sie machen auch ein wenig Angst, ob…

Aber ich will nicht zu viel verraten.

Ich möchte Euch statt dessen auffordern, die Ausstellung zu besuchen. Sie ist den Eintritt (RuhtopCard frei, Vollzahler 10€, Ermäßigt 8) mehr als Wert und wird Euch für Stunden in ihrer Mitte gefangen halten.

Wenn Ihr dann irgendwann die „Tonne“ wieder verlasst und vielleicht nicht aus der Gegend seid: Macht Euch die Mühe mal auf das Dach des Gasometer zu gelangen. Von dort habt Ihr, wenn das Wetter passt, einen hervorragenden Blick über das gesamte Ruhrgebiet. Und dann versucht Euch vorzustellen, wie dreckig und stark industrialisiert die Gegend rund um das Gasometer vor wenigen Jahrzehnten noch war. Und vielleicht ist das Grün, vielleicht sind die bunten Blätter jetzt im Herbst, vielleicht ist der Blick auf das Große und Ganze noch mal Grund, die Bilder vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen.

Blick über das Ruhrgebiet, hier Richtung Westen, vom Dach des Gasometer Oberhausen
Blick über das Ruhrgebiet, hier Richtung Westen, vom Dach des Gasometer Oberhausen

Wer nicht die Treppen auf die über 100 Meter hohe Plattform laufen will, kann auch den Aufzug nehmen. Wegen Corona allerdings derzeit auf 4 Personen pro Fahrt (sonst 14) beschränkt. Bringt also ggf. etwas Wartezeit mit. Es lohnt sich aber.

Meine Empfehlung wäre, morgens ins Gasometer zu gehen. Da insbesondere am Wochenende ab Mittags die Besucherströme doch erheblich zunehmen. Und solltet Ihr Lehrerin oder Lehrer sein: Ich würde mich freuen, wenn Ihr vielleicht mit Euren SuS eine geführte Tour macht. Ich glaube, dass möglichst viele Menschen sich möglichst oft mit unserem Wirken, den Folgen und unserer Verantwortung auseinandersetzen sollten.

 

Volvo vs. Jaguar: Wann ist viel zu viel?

Volvo vs. Jaguar: Wann ist viel zu viel?

Die Älteren unter Euch werden sich noch erinnern:

Ich stehe gerade vor der Frage, ob ich weiter ein Auto haben will und wenn ja, welches. Das ist nicht so einfach, weil ich von meinem Hybrid auf einen reinen Stromer umsteigen will. Also nehme ich mir mal viel Zeit und teste die Autos, die es so gibt. Diesmal im Angebot: Volvo XC40 Recharge Pure Electric vs. Jaguar iPace EV400.

Vergleichsmodell ist mein XC60: Ich brauche einen gewissen Raum für mich und muss ein relativ hohes Ladevolumen (eher in Umfang als Gewicht) haben. Deswegen bin ich damals von Kombi auf SUV umgestiegen: Die Karre lässt sich höher beladen. Anyway.

Der Volvo XC40 Recharge Pure Electric

… ist nach dem Einsteigen ausgeschieden. Und nach der Probefahrt ganz unten durch gewesen. Das klingt hart, liegt aber am Vergleichsmodell und meinen Eigenheiten. Fangen wir mit letzteren an:

Ich habe durch mein eher ungewöhnliches Verhältnis von Oberkörper- und Beinlänge eine etwas spezielle Sitzposition. Dummerweise gibt es aktuell den Trend, den durch die Elektrifizierung frei werdenden Platz zu verbauen. Sprich: Die Mittelkonsolen bei vielen Autos werden in Richtung Front breiter. Für die Displays, Bedienelemente, haste nicht gesehen. Was dazu führt, dass ich, wenn ich sitze wie ich sitzen will, mit dem rechten Bein unangenehm an/auf der Mittelkonsole liege. Das ist im nur unwesentlich breiteren XC60 komplett anders gelöst. In ein Auto steigen und nicht wohl fühlen ist für mich ein K.O.-Kriterium, da – wenn ich mal fahre – ich lange Strecken fahre und einen hohen Komfort erwarte. Angesichts des Preises.

Ich bin ihn dann trotzdem gefahren (auch weil ich demnächst mal in den neuen C40 hypfen will und hoffe, dass es dort anders ist). Die nominal hunderten von PS sind mir eigentlich wurst: E-Autos haben einen massiven Anzug und Volvo regelt eh bei 180 ab. Aber auf der Haben-Seite: wie der Polestar ist der XC40 super leise, lässt sich perfekt im One-Pedal-Drive steuern und ist, was das angeht, ein echter Volvo.

Bis auf „Kleinigkeiten“. Die dem Auto den Garaus machen.

Ich nutze wahnsinnig viel „Pilot Assist“, eine Mischung aus Spurfolgeassistent und semiautonomen Fahren. Und zu meiner Überraschung ist der neuere XC40 (Modelljahr 2021) hier schlechter als mein XC60 (Modelljahr 2020). Und zwar in einem absolut kritischen Punkt:

Der XC60 passt die Geschwindigkeit nicht nur den voraus fahrenden Fahrzeugen und der erlaubten Geschwindigkeit an. Sondern vor allem auch vor Kurven. Ich musste lange suchen um ein passendes Video zu finden, dass ich hier mit freundlicher Erlaubnis des Erstellers verwende. Wenn Ihr genau auf das Display schaut: Vor Kurven werden diese angezeigt und dann wird die Geschwindigkeit soweit reduziert, dass flüssig durch die Kurve gefahren werden kann:

Und jetzt ratet mal, was der XC40 nicht macht. Und mich damit in eine gefährliche Situation brachte, weil ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen wäre, dass ein neueres Auto weniger kann, als ein älteres Auto – bei gleich benannter Funktion.

Die übrigens für einen weiteren Kopfschüttler gut war: Im XC 60 habe ich am Lenkrad links zwei Pfeiltasten. Ist der Abstandstempomat an und ich drück nach rechts, schaltet er auf Pilot Assists. Drücke ich nach links, geht das Auto wieder in den Tempomat. Drücke ich noch mal nach links, geht es in den Limiter, der das Auto auf der erlaubten Geschwindigkeit hält. Aus in dem ich nach rechts drück.

Im XC40? Da geht Pilot Assist an, wenn ich nach rechts drücke. Drück ich nach links passiert… nichts. Die Taste ist nicht belegt. Um ihn aus zu schalten, muss ich wieder nach rechts drücken. Wer denkt sich bitte so einen Unsinn aus?

Die Verarbeitung ist unterhalb des XC60, damit ließe sich noch leben. Aber wie schon eingangs erwähnt: Das Auto ist schlicht zu klein für den Berg von Mensch.

Somit ist der XC40 zwar (technisch) noch besser als der Hyundai, aber eben nicht das, was ich haben will. Schade.

Jaguar iPace EV400

Jaguar hat einen eigentlich ganz schicken Wagen als ersten Stromer raus gebracht, den iPace. Also bin ich den auch mal Probe gefahren. Von innen ist das ein sehr schickes Auto, dass gerade so genug Platz für meine Beine bietet. Ich sitze bequem, das ist ein großer Pluspunkt – trotz ebenfalls nach vorne (noch) breiter werdender Konsole.

Vollkommen irritiert war ich, wie unfassbar laut es in dem Auto bei höheren Geschwindigkeiten wird. Das könnte ich ignorieren, weil ich selten schneller als 120 fahre, aber es verblüffte mich, angesichts der angenehmen Stille im Polestar 2 und XC40.

Was ich gar nicht verstanden habe ist folgendes: Hinter dem Lenkrad ist eine in Klavierlack(!) gehaltene konkave(!) Fläche. Was macht die? Sie spiegelt alles, was am Fenster vorbei zieht und produziert Bewegung an einer Stelle, wo sie nicht sein sollte. Das lenkt furchtbar ab und ich halte das für eine absolute Fehlplanung:

Wie kann sow as passieren?

Das Raumangebot ist bescheiden, wenn man die Vordersitze verlässt. Das ist im Polestar nicht anders. Das Problem ist, dass eine Anhängerkupplung nur manuell abnehmbar für ungefähr 1500€ verfügbar wäre oder ein spezieller Fahrradträger, der keine Kupplung braucht, für ungefähr den gleichen Preis. Und da sind wir schon beim Hauptproblem: Dem Preis!

Selbst in der größten Ausstattungslinie HSE fehlen zahlreiche „Extras“, die ich eigentlich schon fast als Serie erwarten würde. Konfiguriere ich das so, wie ich es möchte, erhalte ich (von der Größe) einen Mittelklasse-Wagen für einen Listenpreis von mehr als 120.000€. What. The. Fuck. Und dafür gibt es eine manuell abnehmbare Hängekupplung.

Zum Vergleich: Der XC60 den ich habe kostet mit vergleichbarer Ausstattung laut Liste nur etwas mehr als die Hälfte. So wahnsinnigen Extras wie „keine Chromleisten am Fenster“ oder „Heckscheiben verdunkelt“.

Und, ganz wichtig: Ein Spurfolgeassistent ist nicht verfügbar.

Neues Fazit

Ich weine, weil es keinen XC60 rein elektrisch gibt 😉 Aktuell ist der Polestar 2 ganz weit vorne, der Hyundai die günstige Alternative. Den Jaguar werfe ich wegen des Preises und der absolut unverschämten Extra-Politik aus dem Rennen. Den XC40, weil er schlicht für mich zu klein gebaut ist.

Ich bin mal gespannt, wie die Suche weitergeht. Vielleicht muss ich doch mal Benz, BMW, VW und Tesla mit in die Auswahl nehmen, was ich eigentlich nicht wollte, da (bis auf Tesla) diese Marken bei mir alle mit Makel behaftet sind. Und Tesla…. der Tesla den ich hätte mir dann doch mit deutlich über 100k wieder sehr viel zu teuer ist.

 

Volvo vs. Hyundai: You get what you pay for?

Volvo vs. Hyundai: You get what you pay for?

Als ich meinen aktuellen Hybrid geholt habe, stand ich vor einem Dilemma:

Mir war klar, dass Verbrenner keine Zukunft haben. Der Markt an Stromern war aber sehr überschaubar und ich hatte gefühlt die Wahl zwischen Pest (Teuer!) und Cholera (Schlecht!). Dazu kam, dass ich ein sehr eigenwilliges Fahrprofil habe: Ich fahre sehr selten Auto, dann aber eher lange Strecken auf denen ich ein hohes Ladevolumen brauche. Das Auto kommt halt immer (erst) dann zum Zug, wenn ich nicht mit dem Rad oder der Bahn fahren kann. Ein für mich sinnvolles E-Auto konnte ich damals nicht finden.

Also fiel meine Entscheidung übergangswseise auf einen Hybrid. Mit einer relativ kurzen Leasing-Dauer, um ihn gegen ein hoffentlich „sinnvolleres“ Auto tauschen zu können. Ein solcher Tausch steht absehbar an und ich habe beschlossen, mir die Zeit zu nehmen, möglichst viele E-Autos zu testen. Von ein paar Tests möchte ich Euch berichten – und die Vergleiche werden alles andere als fair sein und höchst subjektiv.

Wichtig ist mir, neben einem geringen Verbrauch der Komfort und die Sicherheit. Das ist natürlich mit der Grund, warum ich seit vielen Jahren Volvos fahre, die für mich die optimale Kombination aus sparsam, komfortabel und sicher bei hohem Ladevolumen darstellen. Aber es gibt ja auch andere Väter mit hübschen Töchtern. Vielleicht ist ja mal Zeit für was Neues?

Polestar 2
Polestar 2

Das erste getestet Fahrzeug war der Polestar 2. Polestar war früher für Volvo  das, was AMG für Mercedes ist, also die „Performance“-Sparte. Seit dem das Unternehmen einem Chinesischen Konzern gehört, ist man dort aber auch sehr auf Elektro fixiert. Der Polestar 2 ist dabei ein spannendes Auto: Eigentlich ist es ein Volvo, aber halt elektrisch. Inzwischen bietet auch Volvo Vollelektrisch an (XC40, C40), mit der Technik von Polestar.

Der Polestar von Innen - unverwechselbar ein Volvo
Der Polestar 2 von Innen – unverwechselbar ein Volvo

Das bedeutete für mich: Einsteigen und wohlfühlen. Die Sitze sind absolut spitze (Volvo halt), die Bedienung einfach und eingängig und die zahlreichen Helfer für Komfort und Sicherheit lassen keine Wünsche offen. Das Problem das ich hatte: Ich hätte ihn am liebsten direkt mitgenommen – alle folgenden Fahrzeuge müssen sich also an ihm messen lassen.

Was mir super gefällt ist, dass der Wagen beim Beschleunigen erwartungsgemäß einen in die Sitze drückt – was aber für mich noch wichtiger ist: Nach Erreichen der Zielgeschwindigkeit einfach nur dahin gleitet. Flüsterleise und extrem komfortabel. Bei meinem „Testverbrauch“ wäre ich hochgerechnet auf knapp 550km gekommen. Definitiv ist das Fahren des Polestar 2 wie ich mir das Fahren in einem E-Auto vorstelle.

Auf Youtube wurde ich dann auf den Ionic 5 von Hyundai aufmerksam. Vor einigen Jahren hab ich mal nach einem Kleinwagen geschaut und das, was Hyundai damals angeboten hat, war lächerlich. Ernsthaft. Das scheint auch bei der Firma angekommen zu sein, denn der Ionic 5 ist Lichtjahre von den rollenden Destatern entfernt, die Hyundai mal angeboten hat. Jetzt hatte ich die Gelegenheit mal eine ausgiebige Testfahrt (Landstraße, Stadt, Autobahn) machen zu können. Dazu hatte ich mir ein Modell mit Vollausstattung geben lassen.  Spoiler: Damit ist er immer noch gut 10.000€ preiswerter als der Polestar 2. Die Frage: Warum?

Der Ionic5 von innen, sehr luftig, 5x USB-Lader
Der Ionic5 von innen, sehr luftig, 5x USB-Lader

Die Verarbeitung des Hyundai wirkt auf mich sehr gut. Die Sitze sind bequem, wenn auch nicht ganz so gut wie im Volvo – aber selbst die teuren BMW reichen da m. M. n. nicht dran. Das Design des Hyundai ist an einigen Stellen sogar sehr viel futuristischer gehalten, als das eher nüchterne Design des Polestar 2.

Der Unterschied kam dann beim Fahren und ich finde es erstaunlich, wie viel Unterschied Software machen kann. Über das Fahrwerk will ich nicht reden, denn mein Volvo hat ein „Adaptives Luftfahrwerk“ und fährt wie eine Sänfte, der Polestar ist eher sportlich straff, der Hyundai gemütlich ausgelegt. Aber die Assistenzsysteme sind Welten voneinander entfernt. Das ist mir besonders an folgenden Punkten aufgefallen:

Ich fahre fast immer mit Abstandstempomat und „Pilot Assist“ im Volvo, einer Art semiautonomen Fahren, dass der Hyundai in Teilen (Spurführungsassistent) auch hat. Jetzt sind mir 2 grobe Unterschiede aufgefallen:

Tempo 100, Landstraße. Das Auto fährt auf eine Kurve zu. Der Volvo / Polestar 2 zeigt mir die Kurve an und reduziert die Geschwindigkeit auf ein Niveau, dass sich immer sicher und kontrolliert anfühlt. Das geht soweit, dass ich sogar mal Serpentinen ausschließlich mit Pilot Assist gefahren bin, also ohne Pedale oder aktives Lenken. Der Hyundai dagegen? Hält einfach sein Tempo :-O

Das wäre an sich nur halb so schlimm, würde einem die Lenkung und das Fahrwerk beim Hyundai nicht bei jeder Gelegenheit vermitteln, keine schnellen Kurven und Lastwechsel zu mögen. Mit anderen Worten: Fühlt man sich im Volvo / Polestar 2 in Abrahams Schoß und kann dem Auto vertrauen, muss man beim Hyundai genau wissen, ab wann man selber eingreifen muss.

Die zweite, damit zusammenhängende „Macke“ habe ich beim Abbiegen festgestellt. Wenn ich hinter einem Auto abbiege (ich habe den Blinker an) und das Auto vor mir abgebogen ist, weiß der Volvo / Polestar 2, dass ich auch abbiege. Er verringert weiter das Tempo.

Nicht so der Hyundai: Das Auto vor mir ist abgebogen und der Abstands-Tempomat denkt sich – trotz eingeschaltetem Blinker: Ach gib mal Gas, ist ja alles frei. Das Risiko hier entsteht dadurch, dass E-Autos sehr schnell beschleunigen können. Stellt Euch vor Ihr wollt 90° abbiegen und plötzlich drückt Euer Auto so richtig auf die Tube.

Diese beiden Effekte haben den eigentlich guten Abstandstempomaten abgewertet. Gut war er in Sachen Abstand halten und Erkennung von Radfahrern.

Was aber zusätzlich das Gefühl der Unsicherheit erhöht hat: Wenn ich mit dem Volvo / Polestar 2 überholen will, erkennt der Pilot Assist das. Er beschleunigt von selbst um das Überholen schnell zu beenden und wenn ich nicht richtig in die Spur zurückfahre, lenkt er mich in sie zurück. Der Hyundai dagegen reagiert auf Überholmanöver „verzögert“. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Es ist, als ob zwischen Lenkimpuls geben und dem Folgen eine „Denksekunde“ liegt.

Eine weitere Merkwürdigkeit ist, dass der Abstandstempomat bei Hyundai wesentlich später, dafür aber stärker bremst. Ich weiß nicht ob das die Leistungsfähigkeit der Rekuperation (Stromgewinnung aus dem Bremsvorgang) verbessert, auf jeden Fall ist es etwas gewöhnungsbedürftig.

Und dann kommt was, das ich gar nicht verstehe:

Der Hyundai hat ein Feature, dass ich absolut super finde: Beim Einschalten des Blinker wird das Bild der jeweiligen Spiegel-Kamera ins zentrale Display eingeblendet. Das reduziert nicht nur den toten Winkel erheblich, ich würde sogar ein kleines Kind auf einem winzigen Fahrrad sehen können – so eine simple Idee, so eine gute Wirkung. Die Hyundai direkt zunichte macht: In einigen (nicht spontan reproduzierbaren) Situationen will mich das Assistenzsystem animieren, auf andere Fahrzeuge zu achten. Dazu macht es einen Warnton und im Display erscheint „achten Sie auf andere Verkehrsteilnehmer“. Auf die ich in dem Moment NICHT achte, weil ich ja die Meldung lese. WTF?

Das verbaute Bose-Audiosystem macht dafür in dem Hyundai ähnlich Spaß wie die Harman-Kardon im Volvo / Polestar 2. Allerdings ist der Polestar 2 von innen noch mal sehr viel leiser als der Ionic 5 – für mich als Hörbuchliebhaber ein großer Unterschied.

Abzüge gibt es allerdings für die Menüführung im Ionic 5. Versucht niemals das Auto während der Fahrt zu bedienen. Das Menü ist so unlogisch und tief verschachtelt, Ihr findet Euch ohne hinschauen nicht zurecht. Hier kann Hyundai vielleicht mal bei Volvo / Polestar abgucken.

Fazit:

Der Hyundai Ionic 5 ist ein E-Auto, das Spaß macht und ein hohes Sicherheitsniveau mitbringt. Allerdings wesentlich weniger Fahrspaß vermittelt als ein Volvo / Polestar 2 und leider einige „Bugs“ in der Software hat, die man noch ausmerzen sollte, weil sie gefühlt die Sicherheit verringern.

Allerdings wird im direkten Vergleich deutlich, dass der Aufpreis bei Polestar für ein wesentlich entspannteres und stimmiges Fahren entrichtet wird.

Und jetzt noch ein kleiner Lacher:

Ich dachte die erste Stunde, der Hyundai hat das schlechteste Head Up Display aller Zeiten, weil ich es trotz maximaler Helligkeit nur im Schatten ablesen konnte. Bis ich durch Zufall heraus fand: Sowohl das, als auch die Subjektiv nicht lesbaren Symbole an den Lenkradtasten lagen an meiner Sonnenbrille.

Ich habe eine Sonnebrille mit Polfilter. Das HuD im Hyundai braucht genau 90° gedreht – halte ich meine Brille hochkant, leuchten die Tasten fröhlich und das HuD ist gut lesbar. Trage ich sie normal, ist es unsichtbar, genau wie die Tasten. Darauf muss man erst mal kommen 😀

 

Ich bin geblitzt worden. Und das ärgert mich. So richtig.

Ich bin geblitzt worden. Und das ärgert mich. So richtig.

Offensichtlich bin ich letzten Monat mit dem Auto gefahren. Und offensichtlich war ich zu schnell. Denn heute bekomme ich von der Stadt Duisburg ein nettes Schreiben nebst nettem Foto. Und der höflichen Bitte, dem Stadtsäckel was Gutes zu tun. Und ich bin verärgert. So richtig.

Was mich so ärgert, sind drei Dinge:

  1. Ich habe meinen eigenen moralischen Standpunkt verlassen. Ich bin der, der den Menschen erklärt, dass auch geringe Geschwindigkeitsüberschreitungen in der Stadt fatale Folgen haben können. Und ich bin der, der mit 8 km/h drüber geblitzt worden ist. Ich bin übrigens auch der, der immer sagt: „Jammer nicht, wärst Du nicht zu schnell gefahren, wärst Du nicht geblitzt worden.“ Tja. So kann man an seinen eigenen Ansprüchen scheitern. 🙁
  2. Das ist einen Monat(!) her. Einen Monat. Ich wußte nicht mal mehr, dass ich vor einem Monat mit dem Auto in Duisburg war. Wie viel wirksamer wäre es gewesen, mich anzuhalten, mir eine Standpauke zu halten und mir zu erklären, dass auch „nur“ 8 km/h drüber einen wesentlichen Unterschied machen können? Ich hätte es verdient. So bin ich mehr damit beschäftigt zu überlegen, wieso ich a) mit dem Auto und b) in Duisburg unterwegs war.

 

3. Der ärgerlichste Punkt ist aber, dass ich nur 15€ bezahlen muss. Soll das ein Witz sein? Sogar mit Barcode, zum schnellen Überweisen mit dem Handy. Welchen Lerneffekt sollen denn bitte 15€ haben, für etwas, das ich vor einem Monat falsch gemacht habe? Anhalten hätte man mich müssen und dann bitte 150€ sofort und auf der Stelle. So scanne ich den Barcode, stecke das Knöllchen in den Reißwolf und werde es vermutlich morgen vergessen haben. Und das kann und darf nicht richtig sein. Zum Vergleich: eine(!) Karte für James Bond im UCI ist teurer, als so gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen zu haben. Wie will ich denn mit solchen „Strafen“ ein (nachhaltiges) Umdenken bewirken?

Also, liebe Verkehrspolitiker in Berlin: Ändert die StVO. Ich möchte mich über mein Fehlverhalten und eine spürbare Buße ärgern. Nicht darüber, dass man offensichtlich in Deutschland nach wie vor nicht wirklich dafür belangt wird, gegen Verkehrsregeln zu verstoßen. Und ja, stellt bitte genug Personen ein, damit direkt angehalten werden kann. Denn vor allem die direkte Konfrontation hilft, Fehlverhalten zu erkennen.

Von Bauern und Kartoffeln

Von Bauern und Kartoffeln

Viele Menschen, ich bin da keine Ausnahme, haben ein verklärtes Bild davon, wie unser Essen in den Supermarkt kommt. Natürlich schrecken wir ab und an auf, wenn man wieder ein Skandal aus dem Schlachthaus präsent ist. Und wir nehmen zur Kenntnis, wenn wegen schlechter Ernten höhere Preise angekündigt werden. Und ja, da war doch diese Demo von Landwirt*innen mit Treckern.

Auf Amazon gibt es jetzt eine Staffel, die in dem Zusammenhang sehr bemerkenswert ist. Es geht um Jeremy Clarkson und seine Farm.

Um das zu verstehen muss man wissen, wer Clarkson ist: Er ist der „Kopf“ eines Dreier-Teams von Moderatoren, die früher auf BBC die Sendung „Top Gear“ und jetzt auf Amazon „The Grand Tour“ moderieren. Er ist ein „Petrolhead“, Autos könne nicht groß und laut genug sein, Greta Thunberg hält er für überbewertet und Umweltschutz ist ein Thema, dass für ihn keine Rolle spielt. Und dann kauft er eine Farm.

Die Sendung beginnt damit, dass er beschließt, seine Farm selbst bewirtschaften zu wollen. Mit Hilfe, im Wesentlichen aber alleine. Und die Sendung beginnt, wie man es vermuten würde: Er kauft den größten Traktor von Lamborghini, den er kriegen kann.

Was dann folgt sind 8 Folgen, in denen man einem Mann dabei zusieht, wie er sein gesamtes Leben neu bewertet. Wie ihm auf ein Mal klar wird, welche Bedeutung die Natur, die Umwelt und die Landwirtschaft haben. Wie die Zusammenhänge sind und warum die Landwirtschaft mehr ist, als mit einem Traktor über den Acker zu rollen. Und wer bei der Geburt der Lämmer… aber ich will nicht spoilern.

Natürlich ist Clarkson Clarkson. Aber man sieht einen Menschen, der begreift, dass das Leben sehr viel mehr ist, als im Supermarkt ein Brot zu kaufen. Bis zum dramatischen Finale, wenn er am Ende eines Jahres ausrechnet, wie viel er verdient hat.

Das Jahr, dass gewählt wurde, ist besonders: Das Wetter scheint in England verrückt zu spielen – und Greta ist plötzlich unterschwellig sehr präsent. Corona wütet und auf ein Mal ist selbst London eine Geisterstadt, wie wir sie zuletzt in „28 Days Later“ gesehen haben. Und so wie Clarkson sich verändert, verändert sich auch das Publikum. Plötzlich sehen wir nicht nur die Felder, sondern die Arbeit. Wir verstehen, wie wichtig die Blühstreifen sind und vielleicht wird uns klar, wie viel Landwirte leisten und was sie dafür bekommen.

Ich wünschte, die Landwirte hier am Niederrhein würden vielleicht mal mit entsprechendem Aufwand eine Serie produzieren, wie ein landwirtschaftliches Jahr hier abläuft. Mit den Hochs und Tiefs und mit ehrlichen Einblicken. Dann würde es vielen Menschen vielleicht auch leichter fallen zu verstehen, was an den Preisen im Supermarkt nicht stimmt. Und vielleicht verstehen wir alle dann wieder, wie wichtig die Landwirtschaft für uns alle ist – auch angesichts berechtigter Kritik, wie z. B. Überdüngung und Massentierhaltung. Wobei die Frage hier lauten muss: Sind unsere Kritikpunkte nicht gegen die Symptome gerichtet, während die Ursache wir, die Verbraucher und unsere Geldbörsen aus Zwiebelleder sind?

Auf jeden Fall ist Clarkson’s Farm die für mich spannendste Produktion seit langem. Und ich finde, viel mehr Menschen sollten sie sehen. Also auch ihr.

 

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