Von Renten, Aktien und Angst

Von Renten, Aktien und Angst

Die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP berät gerade auch eine große Reform des Rentensystems. Das wir das anpacken müssen, ist vermutlich unstrittig. Was mich irritiert ist, dass immer sofort Angst ins Spiel kommt. Das geht alles nicht, davon profitieren die Falschen und so weiter.

Vor ungefähr einem Jahr hatte ich dazu schon mal was gepostet. Dabei ging es mir vor allem darum, dass es wenig gangbare Alternativen gibt. Und die, die es gibt, macht der Staat unattraktiv:

Warum also fordert der Staat auf der einen Seite, dass wir privat vorsorgen, erlaubt auf der anderen Seite aber nur 6,65 VL vom Arbeitgeber und maximal 801€ an Erträgen, bevor das Finanzamt wieder zuschlägt?

Das ist für mich nicht logisch.

Natürlich rufen die üblichen Verdächtigen sofort wieder, wie schlimm das alles ist. Selbst erfolgreiche Modelle wie der Staatsfond in Norwegen sehen sich konstanter Kritik ausgesetzt. Dabei liegen die Fakten eigentlich auf der Hand:

  1. Wir müssen weg von einem System, das Lohn als Ausgleich für körperliche Arbeit versteht und hin zu einem System, in dem die Menschen am Gewinn und der Produktivitätssteigerung (ihrer) Unternehmen profitieren können.
  2. Wir müssen weg von einem Steuersystem, das private Vorsorge bestraft und ausschließlich staatliche Lösungen vorzieht, an denen einige wenige sich dumm und dämlich verdienen, während der große Teil leer ausgeht.
  3. Wir können Unternehmen die Chance eröffnen, über steuerbegünstigte Altersvorsorgen Wettbewerbsvorteile im War on Talent zu erhalten.

 

Was auf den ersten Blick vielleicht wie der Traum der FDP aussieht, ist auf den zweiten Blick einer ganz simplen Tatsache geschuldet: Dank sinkender Zahlen jungen Erwerbstätigen und steigender Zahlen von Rentenbezieher*innen, ist das bisherige Rentenmodell nicht mehr tragfähig. Die bisherigen Ansätze kaschieren das Problem, lösen es aber nicht.

Tatsächlich glaube ich nicht, dass wir um ein System herum kommen, dass wirtschaftlich arbeitet. Und dazu gehört auch, dass das Rentensystem selbst in der Lage sein muss, Überschüsse zu erwirtschaften, die dann reinvestiert werden können. Das Rentensystem muss in der Lage sein, Wirtschaftserfolg der Unternehmen, deren Mitarbeiter es absichert, zu partizipieren.

In sofern würde es mich wahnsinnig freuen, wenn wir die neue Regierungsperiode nutzen würden, um wirklich mal eine echte Rentenreform anzustreben. Die sowohl eine sichere und auskömmliche Grundrente im Kern haben muss, wie auch die Möglichkeit der privaten und vor allem ernst zu nehmenden eigenen Vorsorge für das Alter.

Denn machen wir uns nichts vor: Das bisherige System wird den zukünftigen Anforderungen nicht Stand halten. Ein Umbau des Rentensystems wird aber, wenn man es richtig angeht, Jahre dauern. Vermutlich deutlich mehr als eine Legislaturperiode.

In sofern wünsche ich mir, dass Kritiker und Befürworter ein gemeinsames Gesprächsniveau finden. Denn unstrittig ist doch, dass wir etwas machen müssen. Und die Frage was wir machen wollen, kann man doch am Besten in einem gesellschaftlichen Konsens beantworten. Oder?

Das Zerbrechliche Paradies

Das Zerbrechliche Paradies

Ich hatte am Wochenende das Vergnügen, in Oberhausen die Ausstellung “Das zerbrechliche Paradies” im Gasometer zu besuchen. Dabei handelt es sich um die erste Ausstellung nach der Sanierung der Landmarke und ich war gespannt, wie es sein würde.

Die gute Nachricht ist, dass die Renovierung so durchgeführt wurde, dass man sie als Besucher*in kaum bemerkt. Im Gegenteil, den meisten dürfte nicht einmal auffallen, was sich alles geändert hat.

Im Wesentlichen wurde die innere Struktur beibehalten und modernisiert. Das bedeutet aber auch, dass sich die hauptsächlichen Kritikpunkte nicht geändert haben – die man aber mitkauft, wenn man ins Gasometer geht:

Es ist alles andere als warm. Dafür aber zugig. Und natürlich gibt es im Inneren immer noch keinen Handy-Empfang 😉

Aber wir sind ja auch nicht da, um zu telefonieren. Sondern um Kultur zu erleben. Und hier setzt die Ausstellung nahtlos fort, was zum Beispiel die Ausstellung “Der Berg ruft” vorher boten:

Eine wunderschöne Ausstellung “wunderschöner” Bilder.

Die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser wird jetzt vermutlich angesichts der Gänsefüßchen ein bisschen irritiert sein. Aber lasst mich das erklären.

Ausgestellte Fotos im Gasometer in der Ausstellung "Das zerbrechliche Paradies"
Ausgestellte Fotos im Gasometer in der Ausstellung “Das zerbrechliche Paradies”

Die Ausstellung ist wie immer absolut fantastisch. Der sehr sparsame Einsatz von Lichteffekten, die sehr großen und  fantastisch gemachten Fotos ziehen die Besucher*innen sofort in ihren Bann. Durch die schiere Größe des Gasometer und die große Anzahl von Fotografien, unterbrochen von gut platzierten Multi-Media-Installationen, verteilen sich die Besucherströme auch sehr gut.

Das “Problem” ist der Aufbau der Ausstellung. Wie üblich erstreckt sie sich über 2 Etagen mit einem “Centerpiece” in der dritten Etage. Letzteres ist auch eine extrem gelungene Darstellung der Erde im Wandel der Zeit und mit den Spuren, die wir Menschen zu Lande, Wasser und in der Luft hinterlassen. Die Fotos im ersten Stock, die hier auf den Bildern zu sehen sind, setzen den Ton: Wunderschöne Landschaften, wunderschöne Bilder.

Menschen in der Ausstellung "Das zerbrechliche Paradies" vor den ausgestellten Bildern
Menschen in der Ausstellung “Das zerbrechliche Paradies” vor den ausgestellten Bildern

 

Die zweite Etage dagegen zeigt die Zerbrechlichkeit. Und das auf eine extrem gelungene Art und Weise. Die Bilder dort haben überhaupt nichts mehr von der Leichtigkeit der gezeigten Exponate eine Ebene tiefer. Dafür gehen sie voll ins Herz und machen deutlich, wie illusorisch die Vorstellung ist, wir hätten keinen Einfluss das Weltgeschehen. Und sie machen auch ein wenig Angst, ob…

Aber ich will nicht zu viel verraten.

Ich möchte Euch statt dessen auffordern, die Ausstellung zu besuchen. Sie ist den Eintritt (RuhtopCard frei, Vollzahler 10€, Ermäßigt 8) mehr als Wert und wird Euch für Stunden in ihrer Mitte gefangen halten.

Wenn Ihr dann irgendwann die “Tonne” wieder verlasst und vielleicht nicht aus der Gegend seid: Macht Euch die Mühe mal auf das Dach des Gasometer zu gelangen. Von dort habt Ihr, wenn das Wetter passt, einen hervorragenden Blick über das gesamte Ruhrgebiet. Und dann versucht Euch vorzustellen, wie dreckig und stark industrialisiert die Gegend rund um das Gasometer vor wenigen Jahrzehnten noch war. Und vielleicht ist das Grün, vielleicht sind die bunten Blätter jetzt im Herbst, vielleicht ist der Blick auf das Große und Ganze noch mal Grund, die Bilder vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen.

Blick über das Ruhrgebiet, hier Richtung Westen, vom Dach des Gasometer Oberhausen
Blick über das Ruhrgebiet, hier Richtung Westen, vom Dach des Gasometer Oberhausen

Wer nicht die Treppen auf die über 100 Meter hohe Plattform laufen will, kann auch den Aufzug nehmen. Wegen Corona allerdings derzeit auf 4 Personen pro Fahrt (sonst 14) beschränkt. Bringt also ggf. etwas Wartezeit mit. Es lohnt sich aber.

Meine Empfehlung wäre, morgens ins Gasometer zu gehen. Da insbesondere am Wochenende ab Mittags die Besucherströme doch erheblich zunehmen. Und solltet Ihr Lehrerin oder Lehrer sein: Ich würde mich freuen, wenn Ihr vielleicht mit Euren SuS eine geführte Tour macht. Ich glaube, dass möglichst viele Menschen sich möglichst oft mit unserem Wirken, den Folgen und unserer Verantwortung auseinandersetzen sollten.

 

Trinkwasser? Überbewertet!

Trinkwasser? Überbewertet!

Es ist schon eine komische Zeit, in der wir Leben.

Wir haben auch in Deutschland erlebt, dass mehrjährige Dürren möglich sind und zu Diskussionen führen, was wichtiger ist: Trinkwasser? Wasser für die Landwirtschaft? Für die Industrie?

Die Schwarz-Gelbe Landesregierung hat sich mit der Überarbeitung des “Landeswassergesetzes” (LWG) auf den ersten Blick klar entschieden und gibt Trinkwasser den Vorzug:

“Das Gesetz schreibt unter anderem den Vorrang der öffentlichen Trinkwasserversorgung vor anderen Grundwasser-Nutzungen etwa durch Landwirtschaft oder Getränkeindustrie fest.” (Quelle: Zeit)

Das ist auf den ersten Blick toll. Auf den Zweiten schon nicht  mehr. Denn Schwarz-Gelb wäre nicht Schwarz-Gelb, wenn man nicht für seine Buddies in der Industrie was in Petto hätte:

Da sind zunächst die Landwirte, seit jeher sehr CDU-nah orientiert. Für die schwächt man den Gewässerschutz.

“So streichen CDU und FDP mit dem neuen Gesetz mehrere Regeln, mit denen beispielsweise Bäche wirkungsvoller vor Düngemitteln und Pestiziden geschützt werden können. Unter anderem kann der schützende Gewässer-Randstreifen künftig nicht mehr von fünf auf zehn Meter verdoppelt werden.” (Quelle: WDR)

Und dann ist da noch die Kiesindustrie. Die vor allem am Niederrhein ein echtes Problem. Hier wird in großer Menge landwirtschaftliche Nutzfläche vernichtet um Löcher zu graben. In einem solchen Ausmaß, dass sogar schon der Kreis Wesel sich genötigt sieht, dagegen zu klagen:

“Der Kreistag hat am Donnerstagnachmittag mit großer Mehrheit dafür gestimmt, gegen den von der schwarz-gelben Landesregierung im Sommer beschlossenen Landesentwicklungsplan (LEP) zu klagen. Das hatten zuvor schon die Räte in Alpen und Kamp-Lintfort beschlossen. Nur die FDP will den Weg vor die Gerichte nicht mitgehen. Die Klage richtet sich gegen die Ermittlung des Bedarfs an Kies und Sand.” (Quelle: RP)

Das Problem ist nämlich: Die Kiesindustrie will einen Anspruch darauf haben, dass jeweils für die kommenden 25 Jahre festgelegt wird, wie viel sie wo abbagern darf. Das Kuriose ist: Nicht der Bedarf an Kies gibt das Tempo vor. Sondern das Tempo den Bedarf:

Um so schneller die Kiesindustrie baggert, um so mehr Flächen bekommt sie zur Verfügung – unabhängig vom echten Bedarf.

Zurück bleiben zumeist Baggerseen. Die laufen dann mit Grundwasser voll. Das dann nicht mehr geschützt im Boden liegt, sondern Verdunstung ausgesetzt ist und Verschmutzung durch Eintrag über die Oberfläche.

Bisher war daher in Wasserschutzgebieten die Auskiesung verboten. Nicht mehr, seit es das neue LWG gibt:

“Ebenfalls für heftige Diskussionen sorgt eine Entscheidung zu Kiesabgrabungen in Wasserschutzgebieten. Bislang war dort laut Gesetz die “oberirdische Gewinnung von Bodenschätzen verboten”. Deshalb erlaubt das schwarz-gelbe Gesetz künftig solche Grabungen grundsätzlich. “Wir bekommen derzeit immer mehr Schreiben aus der Bauwirtschaft, dass das Material knapp wird” sagte Heinen-Esser zur Begründung.” (Quelle: WDR)

Im Klartext:

CDU und FDP gefährden massiv das Grundwasser und damit die Trinkwasserversorgung in NRW. Zu Gunsten einer Industrie, die – warum auch immer – selbst bestimmen darf, was und wie viel sie gerne abgraben würde.

Um dem Ganzen jetzt die Krone aufzusetzen, fordert jetzt ausgerechnet die CDU Wesel, deren “Mutter” wir das Gesetz ja zu verdanken haben, ein “Moratorium”.  Das ist auf den ersten Blick kurios, auf den zweiten nicht:

Die Auskiesung ist Teil des “Landesentwicklungsplanes”. Der muss vom RVR beschlossen werden. Dazu gehört auch eine öffentlichkeitswirksame Diskussion. Deren Eröffnung die CDU und SPD-Fraktionen im RVR zunächst verschoben haben. Die nächste Öffnung wäre im Dezember möglich. (*)

Auch da werden wir sehen, wie die CDU versuchen wird, den Landesentwicklungsplan und damit die Auskiesung und damit die Gefährdung riesiger Mengen Grundwasser, aus der Öffentlichkeit zu haben. Das Ziel ist klar: Bis zur Landtagswahl im Mai soll der Eindruck entstehen, die Union sei gegen ausufernde Auskiesung, die sie mit ihrer eigenen Änderung des LWG erst möglich gemacht hat.

Und ich wette eine Kiste hopfenhaltiger Kaltgetränke, das sofort nach der Landtagswahl, falls die Union in NRW die Regierung weiter anführt, der eigenen Widerstand gegen Ausgrabungen in der Größe und vor allem in Wasserschutzgebieten, sofort zusammenbricht.

Denn was ist schon Trinkwasser, wenn es doch um viel Kies geht.

 

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(*) Zur Klarstellung: ich will auch nicht, dass der LEP verabschiedet wird. Ich will eine neue Landesregierung, gerne Grün-Rot, die die Maßstäbe neu vorgibt, das LWG ändert um den Gewässerschutz zu erhöhen und die Gier der Kiesindustrie in ihre Grenzen verweist.

 

Was bisher geschah:

Demokratie im Sinne der CDU: Wahlen sind nur Wahlen wenn klar ist, wen Wahlen wählen

Demokratie im Sinne der CDU: Wahlen sind nur Wahlen wenn klar ist, wen Wahlen wählen

Frederik Paul, Vorsitzender der JU im Kreis Wesel, ist derzeit in der Öffentlichkeit. Wegen seiner “mutigen Rede” auf dem Deutschlandtag der Jungen Union.

Das ist hoch spannend. Beim oberflächlichen Lesen könnte der Eindruck entstehen, dass die JU sich aus dem Korsett der Union befreien will. Das sie aufbricht, in eine neue Zeit. Das sie verstanden hat, dass ein weiter so nicht geht.

Aber, Ihr ahnt es: Das ist natürlich höchst fraglich. Und das zeigt sich vor allem in diesem Absatz:

Fast noch wichtiger findet Paul allerdings, die Basis wieder mehr mit einzubeziehen. Und engagierten, jungen Mitglieder mehr Verantwortung zu geben. Dabei er auch auf den Weseler Kreisparteitag im November, bei dem Charlotte Quik auf Sabine Weiss folgen soll: „Wir werden eine neue Kreisvorsitzende wählen: eine junge Mutter. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Was Ihr da lest ist: Wir werden “wählen” und wir wissen bereits, wen wir wählen werden. Nicht ob. Und das ist so symptomatisch: Es findet kein Wettkampf statt, keine Bewerbungen. Was stattfindet ist, dass man schon im Vorfeld festgelegt hat, wer die “gewählte” Nachfolgerin der Bundestagsabgeordneten Weiss wird: Die Landtagsabgeordnete Quik.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster: So ist kein politischer Neuanfang möglich. Da ist das konsequente totschweigen der schlechten Wahlergebnisse, wie man es andernorts erlebt, fast noch ehrlicher.

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Was bisher geschah:

Nikon Z-FC – Follow Up

Nikon Z-FC – Follow Up

Vor ein paar Wochen hatte ich Euch erzählt, dass ich mir eine Nikon Z fc gekauft habe – recht spontan und wie man es dreht und wendet: Weil sie gut aussah 🙂

Nachdem ich sie jetzt ein paar Wochen mit mir rum geschleppt habe, wollte ich Euch mal ein Follow-Up gönnen. Inzwischen habe ich einige Bilder geschossen, ein paar Videos gedreht und die Kamera und ich sind uns durchaus näher gekommen.

Ich fange mal mit drei Punkten an, die mir im Laufe der Zeit als nicht so optimal aufgefallen sind:

  1. Der elektronische Sucher: Egal, wie gut die Mini-Displays werden, sie sind genau das: Mini-Displays und ich werde nie ein Freund davon. Ja, der elektronische Sucher (EVF) hat den Vorteil, dass ich eine “Belichtungsvorschau” bekommen kann, also einen Eindruck wie das Bild belichtet ist. Das geht bei optischen Suchern natürlich nicht. Dafür ist er immer noch langsamer als es meinem Auge gefallen würde und natürlich löst er gröber auf als ein echtes Bild am Auge. Versteht mich nicht falsch, der EVF ist klasse. Aber halt im Vergleich zu anderen. Nicht zum echten Bild. Plus, und das stört mich wirklich, die Wirkung von Polfiltern ist relativ schwer einzuschätzen.
  2. Das Handling: Erwartungsgemäß ist die Kamera zu klein für meine Hände, um sie länger und ruhig halten zu können. Das ist aber der Preis für das Design und den erwarteten Zweck einer “Reisekamera”. Sie ist mir witziger Weise auch fast zu leicht, vor allem, wenn sie an auf der Schulter hängt. Was witzig ist, weil ich sie ja leicht haben wollte.
  3. Das Bedienen: Die Bedienung gibt, wenn man Nikon kennt, keine Rätsel auf. Was aber toll gewesen wäre: Die Möglichkeit zumindest zwei Profile zu speichern, z. B. eines für Video und eines für Foto. Auf den ersten Blick “beisst” sich das mit der Philosophie des Drehen und Drücken. Auf den zweiten Blick ist die aber eh manchmal nur Show, z. B. weil man sowohl das Zeiten-Rad, als auch das ISO-Rad oft ohnehin nicht nutzt.

Bei den drei Punkten jammere ich aber auf sehr hohem Niveau und praktisch ausschließlich aus der Perspektive von jemandem, der eh mit allem Neuen so seine Schwierigkeiten hat. Aber kommen wir doch mal zu den positiven Elementen:

  • Die Bildqualität des Sensors ist auf DSLR-Niveau. Sowohl bei Fotos, als auch bei Videos. Die Farben sind kanckig, Haut stellt kein Problem dar und auch im Bereich hoher Iso-Werte ist die Kamera super konstant. Das macht sie gefährlich 😉 Weil man automatisch überlegt, ob man (ich) neben dem F-Mount-Arsenal an Objektiven auch noch (leichtere) Z-Mount-Linsen kauft. Und da gibt es einige 😀
  • Das silberne Kit-Objektiv ist sehr, sehr viel besser, als ich es erwartet habe. Der AF sitzt schnell, wenig Farbverfälschungen an den Säumen (chromatische Aberration) und sehr viel weniger stürzende Linien durch Verzerrungen als z. B. am iPhone. Natürlich kann es nicht mit den Festbrennweiten von Nikon fest halten. Es lässt mich aber meine uralte, tradierte Meinung über Zoom-, besonders über Kit-Zoom-Linsen hinterfragen. Das Objektiv ist eher mit einem 24-120 F4 als den alten 18-55 3,5-5,6 vergleichbar, was die Qualität der Bilder angeht. Wie viel davon die Bildoptimierung in der Kamera (computational imaging) verschuldet, weiß ich nicht – das Ergebnis zählt
  • Die Bedienung gibt jemanden, der Nikon kennt, absolut keine Geheimnisse auf. Man muss sich, wenn man wie ich von den DSLR kommt, ggf. an einige Neuerungen gewöhnen – das geht aber sehr schnell. So schnell, dass man einige Dinge plötzlich bei der D850 vermisst 😉
  • Die Akku-Laufzeit ist phänomenal. Ich hatte überlegt, direkt einen Zweitakku zu bestellen und das aus unerklärlichen Gründen vergessen. Stellt sich raus: Brauche ich nicht. Natürlich mache ich nicht, wie z. B. mit der D700 bei Sportevents mit ständig laufendem AF und Bildstabilisator hunderte Bilder, aber ich hätte z. B: erwartet das Video stärker reinhaut, wie es das z. B. bei der D850 macht.

Alles in allem liefert die Kamera mehr, als ich erwartet habe und sie ist zu einer ständigen Begleiterin geworden: Auf der Schulter, im Tankrucksack auf dem Motorrad, auf der Rückbank im Auto, in der Büro-Tasche im Zug: Ich bin selten ohne anzutreffen.

Damit erfüllt sie einen lang gehegten Wunsch einer “immer dabei”-Kamera, die ich nie hatte, weil ich mit den Suppenzoom-Objektiven und winzigen Chips in den modernen Kompaktkameras nicht zurecht kam. Und genau in die Lücke stößt sie bei mir rein.

Für Euch: Wenn Ihr qualitativ hochwertige Bilder mit einer für die Leistung überraschend preiswerten Kamera haben wollt, eine kleine und leichte Begleitung im Alltag, dann kann ich Euch die Nikon Z fc wirklich nur ans Herz legen.

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Die in diesem Beitrag gesetzten Links zu Amazon sind „Affiliate-Links“. Bei einem Einkauf über diesen Link wird ein geringer Teil des Umsatzes für den gutgeschrieben, der den Link gesetzt hat. Dadurch wird das Produkt für den Kunden nicht teurer, Amazon verdient nur etwas weniger – hat dafür natürlich Werbung für seine Seite. Alle Artikel auf unkreativ.net die einen solchen Link verwenden, sind auch mit der entsprechenden Kategorie gekennzeichnet.

Von Pilzen und Fahrrädern

Von Pilzen und Fahrrädern

Ich hatte gestern das Vergnügen, mit dem RE19 nach Arnhem zu fahren. Gerüchteweise gibt es da bekiffte Politiker… äh ich meine Politiker mit denen man übers Kiffen, vulgo die Freigabe von Cannabis, reden kann. Das soll aber heute hier nicht das Thema sein.

Thema soll sein, dass Arnhem für uns Menschen aus dem Ruhrgebiet viel zu bieten hat. Nämlich vor allem eine Innenstadt, in der es keine Autos gibt. Dafür aber unzählige Fußgänger*innen, Radfahrende, Geschäfte, Bistros, Cafes und Kneipen. Immer und immer wieder bin ich angetan davon, wie lebendig Städte wirken können, wenn man die Autos raus und an den Rand drängt.

Und dann habe ich entdeckt, dass es nördlich den “Park Sonsbeek” gibt. Mit wunderschönen alten, großen Bäumen. Einem tollen Bach mit Mini-Wasserfall und einem schicken Restaurant-Cafe.

Wenn ich mal so sagen darf: Von der niederländischen Version des C’est la vie können wir uns noch einiges abgucken!

Volvo vs. Jaguar: Wann ist viel zu viel?

Volvo vs. Jaguar: Wann ist viel zu viel?

Die Älteren unter Euch werden sich noch erinnern:

Ich stehe gerade vor der Frage, ob ich weiter ein Auto haben will und wenn ja, welches. Das ist nicht so einfach, weil ich von meinem Hybrid auf einen reinen Stromer umsteigen will. Also nehme ich mir mal viel Zeit und teste die Autos, die es so gibt. Diesmal im Angebot: Volvo XC40 Recharge Pure Electric vs. Jaguar iPace EV400.

Vergleichsmodell ist mein XC60: Ich brauche einen gewissen Raum für mich und muss ein relativ hohes Ladevolumen (eher in Umfang als Gewicht) haben. Deswegen bin ich damals von Kombi auf SUV umgestiegen: Die Karre lässt sich höher beladen. Anyway.

Der Volvo XC40 Recharge Pure Electric

… ist nach dem Einsteigen ausgeschieden. Und nach der Probefahrt ganz unten durch gewesen. Das klingt hart, liegt aber am Vergleichsmodell und meinen Eigenheiten. Fangen wir mit letzteren an:

Ich habe durch mein eher ungewöhnliches Verhältnis von Oberkörper- und Beinlänge eine etwas spezielle Sitzposition. Dummerweise gibt es aktuell den Trend, den durch die Elektrifizierung frei werdenden Platz zu verbauen. Sprich: Die Mittelkonsolen bei vielen Autos werden in Richtung Front breiter. Für die Displays, Bedienelemente, haste nicht gesehen. Was dazu führt, dass ich, wenn ich sitze wie ich sitzen will, mit dem rechten Bein unangenehm an/auf der Mittelkonsole liege. Das ist im nur unwesentlich breiteren XC60 komplett anders gelöst. In ein Auto steigen und nicht wohl fühlen ist für mich ein K.O.-Kriterium, da – wenn ich mal fahre – ich lange Strecken fahre und einen hohen Komfort erwarte. Angesichts des Preises.

Ich bin ihn dann trotzdem gefahren (auch weil ich demnächst mal in den neuen C40 hypfen will und hoffe, dass es dort anders ist). Die nominal hunderten von PS sind mir eigentlich wurst: E-Autos haben einen massiven Anzug und Volvo regelt eh bei 180 ab. Aber auf der Haben-Seite: wie der Polestar ist der XC40 super leise, lässt sich perfekt im One-Pedal-Drive steuern und ist, was das angeht, ein echter Volvo.

Bis auf “Kleinigkeiten”. Die dem Auto den Garaus machen.

Ich nutze wahnsinnig viel “Pilot Assist”, eine Mischung aus Spurfolgeassistent und semiautonomen Fahren. Und zu meiner Überraschung ist der neuere XC40 (Modelljahr 2021) hier schlechter als mein XC60 (Modelljahr 2020). Und zwar in einem absolut kritischen Punkt:

Der XC60 passt die Geschwindigkeit nicht nur den voraus fahrenden Fahrzeugen und der erlaubten Geschwindigkeit an. Sondern vor allem auch vor Kurven. Ich musste lange suchen um ein passendes Video zu finden, dass ich hier mit freundlicher Erlaubnis des Erstellers verwende. Wenn Ihr genau auf das Display schaut: Vor Kurven werden diese angezeigt und dann wird die Geschwindigkeit soweit reduziert, dass flüssig durch die Kurve gefahren werden kann:

Und jetzt ratet mal, was der XC40 nicht macht. Und mich damit in eine gefährliche Situation brachte, weil ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen wäre, dass ein neueres Auto weniger kann, als ein älteres Auto – bei gleich benannter Funktion.

Die übrigens für einen weiteren Kopfschüttler gut war: Im XC 60 habe ich am Lenkrad links zwei Pfeiltasten. Ist der Abstandstempomat an und ich drück nach rechts, schaltet er auf Pilot Assists. Drücke ich nach links, geht das Auto wieder in den Tempomat. Drücke ich noch mal nach links, geht es in den Limiter, der das Auto auf der erlaubten Geschwindigkeit hält. Aus in dem ich nach rechts drück.

Im XC40? Da geht Pilot Assist an, wenn ich nach rechts drücke. Drück ich nach links passiert… nichts. Die Taste ist nicht belegt. Um ihn aus zu schalten, muss ich wieder nach rechts drücken. Wer denkt sich bitte so einen Unsinn aus?

Die Verarbeitung ist unterhalb des XC60, damit ließe sich noch leben. Aber wie schon eingangs erwähnt: Das Auto ist schlicht zu klein für den Berg von Mensch.

Somit ist der XC40 zwar (technisch) noch besser als der Hyundai, aber eben nicht das, was ich haben will. Schade.

Jaguar iPace EV400

Jaguar hat einen eigentlich ganz schicken Wagen als ersten Stromer raus gebracht, den iPace. Also bin ich den auch mal Probe gefahren. Von innen ist das ein sehr schickes Auto, dass gerade so genug Platz für meine Beine bietet. Ich sitze bequem, das ist ein großer Pluspunkt – trotz ebenfalls nach vorne (noch) breiter werdender Konsole.

Vollkommen irritiert war ich, wie unfassbar laut es in dem Auto bei höheren Geschwindigkeiten wird. Das könnte ich ignorieren, weil ich selten schneller als 120 fahre, aber es verblüffte mich, angesichts der angenehmen Stille im Polestar 2 und XC40.

Was ich gar nicht verstanden habe ist folgendes: Hinter dem Lenkrad ist eine in Klavierlack(!) gehaltene konkave(!) Fläche. Was macht die? Sie spiegelt alles, was am Fenster vorbei zieht und produziert Bewegung an einer Stelle, wo sie nicht sein sollte. Das lenkt furchtbar ab und ich halte das für eine absolute Fehlplanung:

Wie kann sow as passieren?

Das Raumangebot ist bescheiden, wenn man die Vordersitze verlässt. Das ist im Polestar nicht anders. Das Problem ist, dass eine Anhängerkupplung nur manuell abnehmbar für ungefähr 1500€ verfügbar wäre oder ein spezieller Fahrradträger, der keine Kupplung braucht, für ungefähr den gleichen Preis. Und da sind wir schon beim Hauptproblem: Dem Preis!

Selbst in der größten Ausstattungslinie HSE fehlen zahlreiche “Extras”, die ich eigentlich schon fast als Serie erwarten würde. Konfiguriere ich das so, wie ich es möchte, erhalte ich (von der Größe) einen Mittelklasse-Wagen für einen Listenpreis von mehr als 120.000€. What. The. Fuck. Und dafür gibt es eine manuell abnehmbare Hängekupplung.

Zum Vergleich: Der XC60 den ich habe kostet mit vergleichbarer Ausstattung laut Liste nur etwas mehr als die Hälfte. So wahnsinnigen Extras wie “keine Chromleisten am Fenster” oder “Heckscheiben verdunkelt”.

Und, ganz wichtig: Ein Spurfolgeassistent ist nicht verfügbar.

Neues Fazit

Ich weine, weil es keinen XC60 rein elektrisch gibt 😉 Aktuell ist der Polestar 2 ganz weit vorne, der Hyundai die günstige Alternative. Den Jaguar werfe ich wegen des Preises und der absolut unverschämten Extra-Politik aus dem Rennen. Den XC40, weil er schlicht für mich zu klein gebaut ist.

Ich bin mal gespannt, wie die Suche weitergeht. Vielleicht muss ich doch mal Benz, BMW, VW und Tesla mit in die Auswahl nehmen, was ich eigentlich nicht wollte, da (bis auf Tesla) diese Marken bei mir alle mit Makel behaftet sind. Und Tesla…. der Tesla den ich hätte mir dann doch mit deutlich über 100k wieder sehr viel zu teuer ist.

 

Dein Geld? Nein danke!

Dein Geld? Nein danke!

Vor einigen Tagen erst war ich wieder mal in eine Diskussion verstrickt, in der ich versucht habe zu verdeutlichen, dass Amazon eher Symptom als Ursache vieler Probleme ist. Wobei Amazon hier sinnbildlich als der Einkauf im Internet steht. Und ja, wir wissen alle, dass Amazon insbesondere im Umgang mit Mitarbeitern und Mitbewerbern ein ziemlich mieser Laden ist. Aber darum ging es nicht.

Es ging mir, wie so oft, darum, dass der Einzelhandel oftmals versäumt hat, sich auf wandelnde Lebenswirklichkeiten und Kundenbedürfnisse einzustellen. So bin ich z. B. der Klassiker, dem Läden die um 18 Uhr schließen, nicht helfen. Ich habe auch schon versucht, konstruktive Vorschläge zu machen, wie “Pick-up-Stores”*). Leider ist es manchmal alles nicht so einfach.

Und dann passieren so Dinge wie heute, die mich einfach ratlos machen. Ich war unterwegs und hatte noch im Kopf, dass ich eine neue Fahrradhose brauche. Da ich eh unterwegs war, dachte ich: Holste in einem Sportgeschäft, nicht im Internet. Und da gerade ein Fachhändler in der Nähe war, der zwar eine teure Marke vertritt – mir aber dennoch sympathisch ist, bin ich mal kurz hin.

Dem Verkäufer geschildert was ich möchte. “Ham wa nicht”. Ah okay. Kann passieren. Und jetzt kommt das “Amazon-Problem”, denn als Kunde erwarte ich jetzt, folgenden Satz zu hören: “Ich schreib mir mal Deine Nummer auf und ruf Dich an, wenn wir Hose X wieder da haben. Ggf. schicke ich Dir die dann auch”. Das hätte ich erwartet, weil der Laden mich als Kunden möchte und seine besondere Stellung aus dem Dienst am Kunden bezieht.

Gehört habe ich: “derzeit Lieferschwierigkeiten, können wir eh nur ein Mal im Jahr bestellen”. Das ist schon dreist. Zum einen war ich selber lange Jahre im Einzelhandel tätig und das es Dauerartikel gibt, die man nur ein Mal im Jahr bestellen kann, daran zweifel ich einfach mal. Zum anderen fehlte jede Bereitschaft, sich um mich als Kunden zu bemühen. Der sich schon auf den Weg zu mir gemacht hat. Der bereit war, den Aufpreis für ein gutes Ladenlokal und kompetente Beratung zu zahlen.

Und ja, natürlich gibt es keine Knappheit auf dem Markt. 2 Minuten später hatte ich für weniger Geld inklusive Nach-Hause-Lieferung den begehrten Artikel bestellt. Das Problem für den Händler vor Ort? Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich jemals wieder dort versuche ein Kleidungsstück zu kaufen.

Das lässt mich wieder an die Amazon-Diskussion denken. Und es macht mich traurig. Denn wenn genügend Kunden bei dem Händler die gleiche Erfahrung machen wie ich, wird es den Händler absehbar nicht mehr geben. Es wird dann aber nicht heißen, dass der zu gemacht hat, weil er einfach an seinen Kunden vorbei gehandelt hat. Sondern es wird heißen:

“Wieder ein Opfer der ganzen Online-Geschäfte”.

 

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*) Meine Idee damals war, dass es an zentraler Stelle einen Laden gibt, den die Menschen nach der Arbeit anfahren. Und wo die Dinge liegen, die man online oder telefonisch beim lokalen Händler bestellt hat. Ich stoppe ein Mal und hole eine Einkaufstasche mit Lebensmitteln, das bestellte Buch, ein rezeptfreies Medikament und die Hemden aus der Reinigung ab. Das wär schön 🙂

Überhaupt wäre mehr Digital toll. Das gilt nicht nur für die Bestellung von Waren, sondern auch und besonders für die Bezahlung.

 

Volvo vs. Hyundai: You get what you pay for?

Volvo vs. Hyundai: You get what you pay for?

Als ich meinen aktuellen Hybrid geholt habe, stand ich vor einem Dilemma:

Mir war klar, dass Verbrenner keine Zukunft haben. Der Markt an Stromern war aber sehr überschaubar und ich hatte gefühlt die Wahl zwischen Pest (Teuer!) und Cholera (Schlecht!). Dazu kam, dass ich ein sehr eigenwilliges Fahrprofil habe: Ich fahre sehr selten Auto, dann aber eher lange Strecken auf denen ich ein hohes Ladevolumen brauche. Das Auto kommt halt immer (erst) dann zum Zug, wenn ich nicht mit dem Rad oder der Bahn fahren kann. Ein für mich sinnvolles E-Auto konnte ich damals nicht finden.

Also fiel meine Entscheidung übergangswseise auf einen Hybrid. Mit einer relativ kurzen Leasing-Dauer, um ihn gegen ein hoffentlich “sinnvolleres” Auto tauschen zu können. Ein solcher Tausch steht absehbar an und ich habe beschlossen, mir die Zeit zu nehmen, möglichst viele E-Autos zu testen. Von ein paar Tests möchte ich Euch berichten – und die Vergleiche werden alles andere als fair sein und höchst subjektiv.

Wichtig ist mir, neben einem geringen Verbrauch der Komfort und die Sicherheit. Das ist natürlich mit der Grund, warum ich seit vielen Jahren Volvos fahre, die für mich die optimale Kombination aus sparsam, komfortabel und sicher bei hohem Ladevolumen darstellen. Aber es gibt ja auch andere Väter mit hübschen Töchtern. Vielleicht ist ja mal Zeit für was Neues?

Polestar 2
Polestar 2

Das erste getestet Fahrzeug war der Polestar 2. Polestar war früher für Volvo  das, was AMG für Mercedes ist, also die “Performance”-Sparte. Seit dem das Unternehmen einem Chinesischen Konzern gehört, ist man dort aber auch sehr auf Elektro fixiert. Der Polestar 2 ist dabei ein spannendes Auto: Eigentlich ist es ein Volvo, aber halt elektrisch. Inzwischen bietet auch Volvo Vollelektrisch an (XC40, C40), mit der Technik von Polestar.

Der Polestar von Innen - unverwechselbar ein Volvo
Der Polestar 2 von Innen – unverwechselbar ein Volvo

Das bedeutete für mich: Einsteigen und wohlfühlen. Die Sitze sind absolut spitze (Volvo halt), die Bedienung einfach und eingängig und die zahlreichen Helfer für Komfort und Sicherheit lassen keine Wünsche offen. Das Problem das ich hatte: Ich hätte ihn am liebsten direkt mitgenommen – alle folgenden Fahrzeuge müssen sich also an ihm messen lassen.

Was mir super gefällt ist, dass der Wagen beim Beschleunigen erwartungsgemäß einen in die Sitze drückt – was aber für mich noch wichtiger ist: Nach Erreichen der Zielgeschwindigkeit einfach nur dahin gleitet. Flüsterleise und extrem komfortabel. Bei meinem “Testverbrauch” wäre ich hochgerechnet auf knapp 550km gekommen. Definitiv ist das Fahren des Polestar 2 wie ich mir das Fahren in einem E-Auto vorstelle.

Auf Youtube wurde ich dann auf den Ionic 5 von Hyundai aufmerksam. Vor einigen Jahren hab ich mal nach einem Kleinwagen geschaut und das, was Hyundai damals angeboten hat, war lächerlich. Ernsthaft. Das scheint auch bei der Firma angekommen zu sein, denn der Ionic 5 ist Lichtjahre von den rollenden Destatern entfernt, die Hyundai mal angeboten hat. Jetzt hatte ich die Gelegenheit mal eine ausgiebige Testfahrt (Landstraße, Stadt, Autobahn) machen zu können. Dazu hatte ich mir ein Modell mit Vollausstattung geben lassen.  Spoiler: Damit ist er immer noch gut 10.000€ preiswerter als der Polestar 2. Die Frage: Warum?

Der Ionic5 von innen, sehr luftig, 5x USB-Lader
Der Ionic5 von innen, sehr luftig, 5x USB-Lader

Die Verarbeitung des Hyundai wirkt auf mich sehr gut. Die Sitze sind bequem, wenn auch nicht ganz so gut wie im Volvo – aber selbst die teuren BMW reichen da m. M. n. nicht dran. Das Design des Hyundai ist an einigen Stellen sogar sehr viel futuristischer gehalten, als das eher nüchterne Design des Polestar 2.

Der Unterschied kam dann beim Fahren und ich finde es erstaunlich, wie viel Unterschied Software machen kann. Über das Fahrwerk will ich nicht reden, denn mein Volvo hat ein “Adaptives Luftfahrwerk” und fährt wie eine Sänfte, der Polestar ist eher sportlich straff, der Hyundai gemütlich ausgelegt. Aber die Assistenzsysteme sind Welten voneinander entfernt. Das ist mir besonders an folgenden Punkten aufgefallen:

Ich fahre fast immer mit Abstandstempomat und “Pilot Assist” im Volvo, einer Art semiautonomen Fahren, dass der Hyundai in Teilen (Spurführungsassistent) auch hat. Jetzt sind mir 2 grobe Unterschiede aufgefallen:

Tempo 100, Landstraße. Das Auto fährt auf eine Kurve zu. Der Volvo / Polestar 2 zeigt mir die Kurve an und reduziert die Geschwindigkeit auf ein Niveau, dass sich immer sicher und kontrolliert anfühlt. Das geht soweit, dass ich sogar mal Serpentinen ausschließlich mit Pilot Assist gefahren bin, also ohne Pedale oder aktives Lenken. Der Hyundai dagegen? Hält einfach sein Tempo :-O

Das wäre an sich nur halb so schlimm, würde einem die Lenkung und das Fahrwerk beim Hyundai nicht bei jeder Gelegenheit vermitteln, keine schnellen Kurven und Lastwechsel zu mögen. Mit anderen Worten: Fühlt man sich im Volvo / Polestar 2 in Abrahams Schoß und kann dem Auto vertrauen, muss man beim Hyundai genau wissen, ab wann man selber eingreifen muss.

Die zweite, damit zusammenhängende “Macke” habe ich beim Abbiegen festgestellt. Wenn ich hinter einem Auto abbiege (ich habe den Blinker an) und das Auto vor mir abgebogen ist, weiß der Volvo / Polestar 2, dass ich auch abbiege. Er verringert weiter das Tempo.

Nicht so der Hyundai: Das Auto vor mir ist abgebogen und der Abstands-Tempomat denkt sich – trotz eingeschaltetem Blinker: Ach gib mal Gas, ist ja alles frei. Das Risiko hier entsteht dadurch, dass E-Autos sehr schnell beschleunigen können. Stellt Euch vor Ihr wollt 90° abbiegen und plötzlich drückt Euer Auto so richtig auf die Tube.

Diese beiden Effekte haben den eigentlich guten Abstandstempomaten abgewertet. Gut war er in Sachen Abstand halten und Erkennung von Radfahrern.

Was aber zusätzlich das Gefühl der Unsicherheit erhöht hat: Wenn ich mit dem Volvo / Polestar 2 überholen will, erkennt der Pilot Assist das. Er beschleunigt von selbst um das Überholen schnell zu beenden und wenn ich nicht richtig in die Spur zurückfahre, lenkt er mich in sie zurück. Der Hyundai dagegen reagiert auf Überholmanöver “verzögert”. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Es ist, als ob zwischen Lenkimpuls geben und dem Folgen eine “Denksekunde” liegt.

Eine weitere Merkwürdigkeit ist, dass der Abstandstempomat bei Hyundai wesentlich später, dafür aber stärker bremst. Ich weiß nicht ob das die Leistungsfähigkeit der Rekuperation (Stromgewinnung aus dem Bremsvorgang) verbessert, auf jeden Fall ist es etwas gewöhnungsbedürftig.

Und dann kommt was, das ich gar nicht verstehe:

Der Hyundai hat ein Feature, dass ich absolut super finde: Beim Einschalten des Blinker wird das Bild der jeweiligen Spiegel-Kamera ins zentrale Display eingeblendet. Das reduziert nicht nur den toten Winkel erheblich, ich würde sogar ein kleines Kind auf einem winzigen Fahrrad sehen können – so eine simple Idee, so eine gute Wirkung. Die Hyundai direkt zunichte macht: In einigen (nicht spontan reproduzierbaren) Situationen will mich das Assistenzsystem animieren, auf andere Fahrzeuge zu achten. Dazu macht es einen Warnton und im Display erscheint “achten Sie auf andere Verkehrsteilnehmer”. Auf die ich in dem Moment NICHT achte, weil ich ja die Meldung lese. WTF?

Das verbaute Bose-Audiosystem macht dafür in dem Hyundai ähnlich Spaß wie die Harman-Kardon im Volvo / Polestar 2. Allerdings ist der Polestar 2 von innen noch mal sehr viel leiser als der Ionic 5 – für mich als Hörbuchliebhaber ein großer Unterschied.

Abzüge gibt es allerdings für die Menüführung im Ionic 5. Versucht niemals das Auto während der Fahrt zu bedienen. Das Menü ist so unlogisch und tief verschachtelt, Ihr findet Euch ohne hinschauen nicht zurecht. Hier kann Hyundai vielleicht mal bei Volvo / Polestar abgucken.

Fazit:

Der Hyundai Ionic 5 ist ein E-Auto, das Spaß macht und ein hohes Sicherheitsniveau mitbringt. Allerdings wesentlich weniger Fahrspaß vermittelt als ein Volvo / Polestar 2 und leider einige “Bugs” in der Software hat, die man noch ausmerzen sollte, weil sie gefühlt die Sicherheit verringern.

Allerdings wird im direkten Vergleich deutlich, dass der Aufpreis bei Polestar für ein wesentlich entspannteres und stimmiges Fahren entrichtet wird.

Und jetzt noch ein kleiner Lacher:

Ich dachte die erste Stunde, der Hyundai hat das schlechteste Head Up Display aller Zeiten, weil ich es trotz maximaler Helligkeit nur im Schatten ablesen konnte. Bis ich durch Zufall heraus fand: Sowohl das, als auch die Subjektiv nicht lesbaren Symbole an den Lenkradtasten lagen an meiner Sonnenbrille.

Ich habe eine Sonnebrille mit Polfilter. Das HuD im Hyundai braucht genau 90° gedreht – halte ich meine Brille hochkant, leuchten die Tasten fröhlich und das HuD ist gut lesbar. Trage ich sie normal, ist es unsichtbar, genau wie die Tasten. Darauf muss man erst mal kommen 😀