„Verlust erfahrener Mitarbeiter, die sie auf die Schnelle nicht ersetzen könnten“

Schreibe ich über ein Thema, habe ich oft mehrere mögliche Perspektiven. Einige davon bieten sich an und andere haben das Problem, eine Tendezn zu zeigen. Die man vielleicht vermeiden sollte.

Die Überschrift dieses Blogbeitrags ist ein Zitat aus der Westen, dass in Gänze so lautet:

Ansturm auf die Rente mit 63: Bis Ende Juli haben bereits 85. 000 Menschen in Deutschland die abschlagsfreie Rente mit 63 beantragt. Aus den Unternehmen mehren sich bereits die Klagen über den Verlust erfahrener Mitarbeiter, die sie auf die Schnelle nicht ersetzen könnten.

Es dürfte wenig überraschend sein, dass die Menschen so schnell wie möglich aus dem Arbeitsleben ausbrechen wollen. Das ohnehin nur mit Mühen heute noch als „notwendig“ verkauft werden kann. Zudem spricht ja niemand über den offensichtlichen Logikbruch, dass länger arbeien lassen auch bedeutet, dass immer ältere Menschen arbeiten.

Womit wir voll im Thema sind: Es ist doch nicht das Problem der Menschen die mit 63(!!!) endlich LEBEN wollen, wenn die Unternehmen es nicht schaffen, Nachwuchs heran zu züchten? Weil Unternehmen ja hoffen, die Arbeitskräfte möglichst lang (65? 70?) verschleissen zu können. Man kann sowas schlicht eine verfehlte Personalpolitik nennen.

Man könnte also auch schreiben: „Unternehmen verpassen Chance zur Verjüngung des Personalstamms“. Oder „Unternehmen erkennen, dass sie sich zu wenig um Nachwuchs kümmern“. Oder oder oder. Man kann aber natürlich auch so tun, als käme das alles völlig überraschend auf die armen, armen Unternehmen zu, die gleichsam am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs stehend erleben müssen, wie ihre Besten der Besten einfach keinen Bock mehr haben.

Wie gesagt, es gibt immer mehr als eine Perspektive…

Social Media: nur zentral gut?

Was passiert eigentlich wenn, ist eine immer gute Frage.

Nach wie vor ist Social Media ein „Buzzword“ im Internet und eigentlich kein Unternehmen und kaum ein Mensch mit Internetzugang kommt um das Thema herum.

In der klassischen Sichtweise ist Social Media allerdings ein merkwürdiges Konstrukt, bezeichnet es doch zentralisierte, homogenisierte Plattformen wie Facebook und Twitter. Dort ist man vertreten, dort ist man vernetzt. Dort trifft man sich, dort tauscht man sich aus.

Der Fehler im System?

Die Abhängigkeit!

Denn was passiert eigentlich, wenn z. B. Facebook die Pforten schließt? Das muss ja nicht das ganze Unternehmen betreffen, es reicht ja einzelne Nutzer oder Unternehmen auszuschließen?

Die Gründe dafür können vielfältig sein, der Rechtsweg ist allerdings zu meist ausgeschlossen.

Aber was passiert da?

Durch die Festlegung auf einzelne Websites, die man fälschlicher Weise als „Social Media Network“ bezeichnet, zentralisiert man seine Kommunikation. Spaßeshalber habe ich mir hierbei mal die Websites und die Facebook-Präsenzen deutscher Autobauer angesehen:

Während die Websites nicht zur Kommunikation einladen, eignet sich Facebook  nur sehr bedingt zur Produktpräsentation. Will ich also im Rahmen der Markenbindung mit den Kunden (oder als Kunde mit dem Unternehmen) verbunden sein, muss ich das bei Facebook machen. Suche ich ein Angebot, mache ich das auf der Website. So weit so klar.

Schließt jetzt Facebook die Seite des Unternehmens, gehen schlagartig alle Kundenbeziehungen, die dort aufgebaut und gepflegt wurden, den Bach runter.

Im Privatleben bedeutet das: Meine Texte, Kommentare, Fotos und meine Freundeslisten sind futsch.

Es ist erstaunlich, wie viel Erfolg Facebook und Co dabei haben. Man gibt sich gar nicht die Mühe, Non-Konformisten anzulocken. Denn selbst die größten Unternehmen passen ihre Präsenzen in das Corporate Design des Anbieters. Und der entscheidet dann auch gleich, was die Besucher sehen dürfen und was nicht.

Die Alternative wäre, auf eigene Websites und Dienste wie Blogs zu setzen.

Häufig wird dem entgegen gehalten, das sei zu kompliziert und aufwändig. Aber mal realistisch betrachtet, hat es eine ganze Reihe von Vorteilen:

Nicht nur, dass ich unabhängiger vom Dienstangebot eines einzelnen Unternehmens bin, ich unterwerfe mich auch nicht der Inhaltskontrolle und schon gar nicht der Uniformität.

Ich kann schreiben was ich will, zeigen was ich will und ein Design verwenden, dass mir am Besten gefällt. Unternehmen waren ihre Unabhängigkeit und können ihr eigenes CD fahren.

Soziale Netzwerke gibt es seit Anbeginn des Internets. Sie entstehen durch Hyperlinks, letztlich DAS Basis-Feature des World Wide Web. Sie entstehen durch Interatktion, wie es sie schon vor dem WWW gab, z. B. in Newsgroups. Und sie überdauern Technologiewechsel in der Regel unbeschadet.

Warum also sollte man sich als Unternehmen an Facebook binden? Ein Like dort bedeutet nichts im Vergleich zu einem Aufruf der eigenen Website oder der Kenntnisnahme eines RSS-Feeds. Und ein Share ist weniger verbindlich als ein Hyperlink.

Es scheint wenig öknomische und strategische Gründe zu geben, sich in die Hände von Facebook und Co zu begeben. Außer vielleicht den Grund, dass Menschen gerne nach Gruppen streben und charismatische Führer bevorzugen. Wenn diese Führungspersönlichkeiten es dann noch schaffen, die Gruppe als „potentielle Werbeempfänger“ zu vermarkten, wird es auch für Unternehmen interessant.

Twitter ist da witziger Weise anders: Zwar entstehen dort soziale Netze durch Folgen und Gefolgt werden. Aber Twitter hat mehr mit dem Internet in seiner Reinform zu tun, als jedes andere soziale Netz: Dort werden vor allem und in erster Linie Links gehandelt und die Diskussionen auf Blogs und Websites geführt. Twitter ist im Grunde ein „News-Aggregator“ unter den sozialen Netzen, der sich als Mittler zwischen den Netzwelten versteht – im Gegensatz zu Facebook, als alles vereinnahmendes Konstrukt.

Als Unternehmen muss ich mir die Frage stellen, ob Facebook wirklich „too big to fail“ ist und nicht das Myspace-Ende erleben wird. Ich denke, genau das wird passieren. Was passiert aber dann mit dem Geld, das ich in die Unternehmenspräsenz dort investiert habe? Wie portiere ich meine Kundenbeziehungen in „the next big thing?“

Als Mensch muss ich mir die Frage stellen, ob ich mir wirklich sagen lassen will, was ich sagen, denken und schreiben darf und ob ich wirklich meine Erinnerungen, Fotos, Freunde einem Unternehmen zur kostenfreien Nutzung überlassen will – und was mit all meinen Inhalten passiert, wenn Facebook dereinst nicht mehr ist.

Mein Fazit?

Das Internet braucht wieder mehr Websites, Blogs, Newsgroups, Foren und Chats. Und weniger zentral Strukturen.

Und Ihr müsst langsam mal anfangen, an die Post-Facebook-Ära zu denken…