Die Schufa, der Minuszins, die Gier.

Die Schufa, der Minuszins, die Gier.

tl;dr: Die Schufa will Zugriff auf die Kontobewegungen. Und reiht sich damit nur in eine lange Liste von Unternehmen ein, denen die PSD2 der EU das erlaubt. Das Problem ist nicht die Schufa, sondern die Gesetzgebung.

 

Hach, manchmal bin ich ja doch ein bisschen verwundert, wie blauäugig manche Menschen durch das Leben gehen. Und über was sich ereifert wird und was dabei übersehen wird. So titelt die SZ heute:

„Schufa will Konten der Deutschen durchstöbern“

Und achtet mal auf den URL: „schufa-superscore-kontoauszug-konto-horror“. Horror. Blanker Horror. Ich sag es Euch. Nur, warum?

Zunächst gilt: Wo ein Trog, da kommen die Schweine. Und wenn es einen Datentrog gibt, wollen da ganz viele ran. Das ist zunächst neutral zu bewerten. Denn die Frage ist nicht warum die Schufa das will. Sie will damit Geld verdienen. Die Frage ist, warum die EU mit der sogenannten „Payment Service Directive 2“ vorgesehen hat, dass sogenannte „Fintechs“ auf Eure Kontostände zugreifen dürfen.

Ich will die Ideen und das Für uns Wider hier nicht diskutieren. Das dauert zu lange. Tatsache ist einfach: Die EU erlaubt es und dann ist es doch kein Wunder, dass Unternehmen das auch machen wollen.

Die Schufa als ein Unternehmen in einem oligopolischen Markt träumt da schon länger von. Bisher weiß sie nur, welche Kredite Ihr habt. Euer tatsächliches Vermögen kennt sie nicht. Und das würde sie gerne kennen. Muss sie das kennen? Nein, muss sie nicht. Denn keine Bank müsste mit der Schufa kooperieren. Und eigentlich müsste die deutsche Gesetzgebung der Schufa (und den anderen Scoring-Unternehmen) viel stärkere Riegel vorschieben:

  1. Wie die Scores gebildet werden, muss bekannt sein
  2. Die Ablehnung der Teilnahme an solche Scoring-Verfahren muss möglich sein, ohne das der Kreditzins massiv verschlechtert wird

Wir stellen also fest, die Schufa macht nur, was EU und deutsche Gesetzgebung ihr erlauben. Und ist sie die einzige Institution?

Natürlich nicht. Denn viele Menschen lassen schon längst Unternehmen ihre Kontodaten analysieren – und finden das Geil. Vince Ebert hat mal gesagt:

„Geiz ist nicht geil. Die Aussicht auf ein Schnäppchen lähmt die Großhirnrinde. Geiz macht also nicht geil, Geiz macht blöde“.

Kennt Ihr Kredite mit Minus-Zinsen?

Normalerweise ist das so: Banken müssen für Geld, dass sie haben, Strafzinsen bei den Zentralbanken zahlen, wenn sie es lagern. Sie wollen es also „los werden“. Das führt dazu, dass sehr solvente Kreditnehmer (Kommunen, Land und Bund) Kredite für negative Zinsen bekommen. Die Logik: Es ist billiger, dem Kreditnehmer einen Zins X aus zuschütten, so lange dieser niedriger, als der Zins Y der Zentralbanken ist.

Jetzt könnte man ja auf die Idee kommen, wenn diverse Internetportale Euch Kredite zu Minuszinsen anbieten, wäre das auch so. Ist es aber nicht, was ihr daran seht, dass es um winzig kleine Summen geht. 1000€ zu -0,5% beispielsweise.

Und was muss man dafür machen? Richtig, den Unternehmen Zugriff auf das Konto gewähren. Für mindestens die letzten 3 Monate. Angeblich, um die Zahlungsströme zu kontrollieren. Eines der Unternehmen, die so was anbieten schreibt:

„Lösung: Mithilfe des einmaligen Abrufs der Umsätze Ihres Gehaltskontos in den letzten 3 Monaten können wir Ihre Angaben automatisiert prüfen. Dadurch kann die Kreditwürdigkeitsprüfung innerhalb weniger Minuten erfolgen. „

Äh, die Kreditwürdigkeit steht binnen Sekunden fest. Denn die bekommt man unter anderem von der Schufa und Programmen, die das Risiko bewerten. Man liest auch:

„Im Rahmen dieser Prüfung werden Ihre Angaben zu laufenden Einnahmen und Ausgaben mit offiziellen Belegen abgeglichen. Problem: Würden Sie uns diese Belege in Papierform per Post einreichen, würde sich die Prüfung um mehrere Tage verzögern.“

Also ich weiß ja nicht, aber ich musste noch nie bei einer Finanzierung meine Kontoauszüge über 3 Monate vorlegen. Das ist auch nicht notwendig. Es sei denn natürlich, man möchte viel mehr Daten als die Information über Eure Kredite. Und was kann man mit so Daten machen? Richtig, Geld. Denn dieses Unternehmen sagt sehr freizügig:

„Der XXX-Negativzins-Kredit wird möglich, indem XXX bei jedem ausgezahlten Kredit eine Zuzahlung leistet.“

Und jetzt denkt mal nach: Wenn die zuzahlen, bedeutet das, dass sie die Gewinne aus den Krediten mit Zins schmälern. Warum sollten sie das tun? Richtig, weil sie mit den Daten noch viel mehr Geld verdienen, als sie es über die Zinsen könnten.

Natürlich wird man Euch erklären, dass man die Daten nicht verkauft. Das muss man auch gar nicht. Denn der Teufel liegt im Detail: Die Interessenten für solche Daten wollen gar nicht wissen, wie Eure Kontobewegungen sind. Sie wollen wissen, wie, womit und wofür sie Euch zielgerichtet ansprechen können.

Das heißt, der Kreditvermittler hier sagt nicht:

„Hey, Firma XY, ich weiß was der Z letzten Monat ausgegeben hat“

Sondern der Kreditvermittler sagt:

„Hey, Firma XY, ich habe hier eine Liste mit Personen, die ein hohes Interesse an Deinem Produkt haben könnten. Was zahlst Du für die Adressen?“

Somit ist es wahr, dass nicht die Daten, die ausgelesen werden, verkauft werden. Sondern die daraus gewonnenen Informationen werden versilbert.

Warum erzähle ich Euch das?

Weil ich Euch zeigen will, dass es überhaupt nicht verwunderlich ist, dass die Schufa auch an diese Daten will. Stellt Euch vor, was für eine Macht ein Unternehmen hat, dass genau weiß, wann welches Geld rein kommt, wann Ihr was bezahlt und so weiter.

Und wisst Ihr, wen das richtig ärgert? Echte Banken. Denn genau DIE dürfen das mit Euren Daten aktuell nicht machen.

Wenn Euch das also ein Horror ist, was die Schufa da plant, dann müsst Ihr Euch nicht über die Schufa aufregen. Auch nicht über Kreditvermittler, die Euch für 50-60€ „Negativzins“ zu gläsernen Schweinchen machen.

Ihr müsst der Politik klar machen, dass Ihr das nicht wollt. Sprecht mit Euren Politikern in den Kommunen, beim Land und beim Bund. Lasst sie wissen, dass die PSD2 der EU vielleicht eine nette Idee war, um neue Mitspieler in den Finanzmarkt zu holen. Das aber die Gesetzgebung dringend dahin angepasst werden muss, dass

  1. Ihr jederzeit wisst, wer welche Daten will
  2. Ihr jederzeit wisst, was damit passiert
  3. Ihr verweigern dürft ohne Nachteile zu erfahren

Das hier ist ein klassisches Beispiel für Politik-Versagen. Und irgendwo auch ein Indiz für den Umgang der Presse mit solchen Dingen: Ein Artikel „die Schufa – HORROR“ bringt halt mehr Klicks, als ein so langer Erklärbär-Text wie meiner.

Aber es liegt an uns, mit Nachdruck dagegen zu halten. Und zwar nicht nur, in dem wir der Schufa das verweigern und nicht auf solche Lock-Angebote angehen. Denn sonst wird es irgendwann so sein, dass Ihr eine Verweigerung mit deutlich höheren Zinsen bezahlen müsst. Wir (Ihr!) müssen an der Stelle auch klar die mit ins Boot holen, die dagegen was tun können.

 

 

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Artikel-Foto: Adobe Spark

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